Geissendörfer-Interview

Presse-Stimme: “Ich hätte mir Harald Schmidt großzügiger gewünscht” – spiegel-online-Interview mit dem Regisseur zum neuen Qualitätsbewußtsein des Zuschauers…und –
27. Januar 2005

“LINDENSTRASSE”-SCHÖPFER GEISSENDÖRFER

“Ich hätte mir Harald Schmidt großzügiger gewünscht”

Am 30. Januar wird die 1000. Folge der “Lindenstraße” ausgestrahlt, im Dezember feiert die Dauer-Serie 20. Geburtstag. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem “Lindenstraße”-Schöpfer Hans W. Geißendörfer über die Zusammenarbeit mit der ARD, die neue Sehnsucht der Zuschauer nach Qualität und den Geschäftssinn von Harald Schmidt.

DDP

“Lindenstraße”-Schöpfer Geißendörfer: Das Leben in der Republik beobachten

SPIEGEL ONLINE: Herr Geißendörfer, 1000 Folgen und bald 20 Jahre “Lindenstraße” – was überwiegt da: Stolz oder Ermüdung?

Geißendörfer: Von Ermüdung keine Spur! Ich mache “Lindenstraße” nach wie vor wahnsinnig gerne, und diese Freude ist das beste Rezept gegen Müdigkeit. Von Stolz möchte ich gar nicht sprechen. Ich bin glücklich, dass die ARD bis 2008 verlängert hat und wir weitermachen dürfen. Diese Chance möchte ich nutzen, um an jedem Sonntag wenigstens einen vernünftigen Satz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten zahlreiche Krisen zu bestehen – Streit mit dem Ensemble über Inhalte zum Beispiel und sinkende Quoten. Wollten Sie mal alles hinwerfen?

Geißendörfer: Nein, diese Gefahr bestand nie. Die Zeit, auf die Sie anspielen, das war 1999. Damals mussten wir einen Mitarbeiter entlassen, der teilweise mit Erfolg versucht hat, sein eigenes Werk – er war neun Jahre Herstellungsleiter bei uns – in den Dreck zu ziehen. Eine echte Inhaltskrise hat es nie gegeben. Trotzdem war das eine wichtige Phase, weil sie uns noch einmal gestärkt hat in dem Bewusstsein, dass es nichts gibt, wofür wir uns verteidigen müssten. Wir bleiben so, wie wir sind. Die Vertragsverlängerung gibt uns dabei Recht.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten sich allerdings mit einer finanziellen Nullrunde zufrieden geben. Ärgert es Sie, wenn die ARD andererseits für Sportrechte viel Geld ausgibt?

Geißendörfer: Es ärgert mich grundsätzlich überhaupt nicht, wofür die ARD ihr Geld ausgibt, immer vorausgesetzt, dass nicht andere Sparten darunter leiden müssen. Wenn also für den Sport enormes Geld ausgegeben wird, damit die Quote insgesamt besser aussieht, gleichzeitig aber andere Programme stiefmütterlich behandelt werden oder ganz verschwinden, dann allerdings ist mein Ärger sehr groß. Zwischen zehn und 15 Prozent werden bei den erzählenden Genres eingespart, beim Fernsehfilm und auch in der Film-Koproduktion. Das bedeutet aufs Jahr gerechnet, dass vielleicht zwei oder drei Stoffe weniger umgesetzt werden.

DPA

“Lindenstraße”-Ensemble: Originäres Fernsehen

SPIEGEL ONLINE: Ärgern dürfte Sie auch die Summe, die man in Harald Schmidt investiert hat.

Geißendörfer: Harald Schmidt ist Harald Schmidt. Er hat einst bei der ARD angefangen, und ich hätte mir von Herzen gewünscht, dass er ein wenig großzügiger gewesen wäre. Er hätte sagen sollen “Passt auf Jungs, ich komme gerne zu euch zurück und ich mache das zu einem Preis, den ich mir leisten kann und den ihr euch leisten könnt”. Was er tatsächlich herausgepokert hat, weist ihn als verdammt guten Geschäftsmann aus, aber nicht unbedingt als jemanden, der seinen Job über alles liebt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass man mittlerweile bei der ARD begriffen hat, dass es ein Fehler war, die eigene Politik jahrelang nach der Quote und damit nach den Privatsendern auszurichten. Man besinnt sich auf das, was man kann: Qualität – in der Unterhaltung, in der Information und in der Dokumentation.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel für dieses Umdenken?

Geißendörfer: Edgar Reitz’ “Heimat”. Bei den Privaten wäre das undenkbar. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Trend bei den Öffentlich-Rechtlichen wieder zu mehr Qualität geht. Schon deshalb, weil es auch beim Zuschauer eine große Sehnsucht gibt nach klügeren, witzigeren, stilleren, ja besinnlicheren Formen der Unterhaltung. Natürlich wird es immer Trash geben, das ist okay. Aber man sieht diese Programme straucheln. Mit Qualitäts-Programmen passiert so etwas dagegen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind angetreten mit dem Anspruch, “deutsche Realität aufzugreifen und zu reflektieren”. Hat sich dieser Ansatz nicht überholt angesichts der Reality-TV-Formate, bei denen Menschen in Container gesteckt und Möchtegern-Stars im Dschungel gequält werden?

Geißendörfer: Die “Lindenstraße” ist oft missverstanden worden als eine Art Vorstufe zur Reality. Ich bin stolz, dass wir fiktiv sind. Wir spiegeln den Alltag nur und spielen auf ironische Weise mit der Realität, etwa wenn Else Kling in die Kneipe rennt, weil ihr Fernseher kaputt gegangen ist und sie dort auf dem Bildschirm gerade noch sehen kann, wie sie diese Kneipe betritt.

WDR/Eckbert Reinhardt

Darstellerinnen Annemarie Wendl, Marie-Luise Marjan (Szene aus Folge 849): “Nah am Fernsehspiel”

SPIEGEL ONLINE: Der TV-Moderator Roger Willemsen hat das Fernsehen als ein “heute weitgehend ironisches Medium” bezeichnet, das mehr zum Verschwinden als zur Erscheinung bringt. Teilen Sie diese Ansicht?

Geißendörfer: Das ist mir zu akademisch. Die Macher des Fernsehens sind so verschieden wie ihre Zuschauer. Manchen geht es um die Vermittlung von Inhalten, mache sind eitel, anderen geht es um Geld. Sie sind pragmatisch und sagen, wenn die ARD so blöd ist und mir acht Millionen bezahlt, dann nehme ich die auch. Die Konsequenz für mich als Konsument ist einfach, dass ich Fernsehen heute nur noch sehr selektiv nutze.

SPIEGEL ONLINE: Welche Formate kommen bei Ihnen in die engere Auswahl?

Geißendörfer: Sehr, sehr wenige, was auch daran liegt, dass ich in zwei Ländern, in Deutschland und in England, lebe. Vor dem Einschlafen zappe ich zum Beispiel in Deutschland kurz durch die Programme. Wenn ich überhaupt irgendwo hängen bleibe, dann bei einem Spielfilm.

SPIEGEL ONLINE: A propos Spielfilm: Hat die “Lindenstraße” nicht Ensemble-Mitgliedern wie Joachim Hermann Luger die Karriere als seriöse Darsteller verbaut?

Geißendörfer: Verbaut hat die “Lindenstraße”, glaube ich, niemandem etwas. Hätte, wenn und aber zählen nicht. Wer weiß schon, wie sich die eine oder andere Karriere ohne die “Lindenstraße” entwickelt hätte. Tatsache ist, dass ein Schauspieler, der sehr lange in der “Lindenstraße” dabei ist, in der Öffentlichkeit ein hohes Ansehen genießt, bei Regisseuren, Produzenten und Kollegen aber eben “nur” als Seriendarsteller gilt. In diesem komischen Land wird nun einmal zwischen E und U unterschieden. Die Ernsthaftigkeit fängt erst beim Kino, beim Theater oder wenigstens bei einem “Tatort” an. Diese Arroganz ist Mist und lässt sich nicht rechtfertigen, vor allem gegenüber der “Lindenstraße” nicht, die bezüglich der technischen Ausstattung, aber auch inhaltlich oft nahe am Fernsehspiel ist.

SPIEGEL ONLINE: Die 1000. Folge wird 45 statt 30 Minuten dauern. Haben Sie je an einen Ableger für die große Kino-Leinwand gedacht?

Geißendörfer: Spin-Offs mit Figuren aus der “Lindenstraße” sind von Verleihern mehrfach angefragt worden, ich habe mich damit aber nie wirklich auseinandergesetzt. Ich vertrete in diesem Punkt eine klare Haltung: Die “Lindenstraße” ist originäres Fernsehen und gehört daher definitiv auch nur ins Fernsehen.

WDR/Eckbert Reinhardt

“Lindenstraße”-Star Harry Rowohlt: “Wir spiegeln den Alltag”

SPIEGEL ONLINE: Wie wird es weitergehen? Gibt es grundlegende Neuerungen?

Geißendörfer: Wir verfolgen keine grundlegend neuen Strategien. Dennoch wird es Änderungen geben, weil die Autoren stets wachsam sind und das Leben in unserer Republik genau beobachten. Die Auswirkung von politischen Entscheidungen auf den Alltag, etwa Hartz IV, muss auch für uns ein Thema sein. Diesem Prinzip haben wir in der Vergangenheit immer Rechnung getragen und werden das ganz bestimmt auch weiterhin tun. Sonst wäre die “Lindenstraße” nicht mehr die “Lindenstraße”.

Das Interview führte Andreas Kötter

Interview mit Serge Klarsfeld

Exclusiv-Interview, gefunden auf ARTE-online, im Rahmen der GESTAPO-Reihe von ARTE
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Exklusiv-Interview mit Serge Klarsfeld

“Das Vieh schickt man auf den Schlachthof, aber man geht nicht selbst dorthin”

Was waren das für Menschen, die in der Gestapo ihren Dienst taten? Wie arbeitete die Gestapo in Frankreich und anderen besetzten Ländern? Welche Rolle spielten Denunzianten ? Warum wurden Gestapoleute nach dem Krieg so selten zur Rechenschaft gezogen?

Fragen an Serge Klarsfeld, der zusammen mit seiner Frau Beate Klarsfeld die Vereinigung “L’Association des fils et des filles de déportés juifs de France” gegründet hat und eine herausragende Rolle bei der Verfolgung von Kriegsverbrechern wie Barbie, Bruner, Papon, Lischka

und anderen gespielt hat.

ARTE: Was waren die Aufgaben der Gestapo in Frankreich?

Serge Klarsfeld: Sie hatte für die Sicherheit der deutschen Truppen zu sorgen und musste in Frankreich die öffentliche Ordnung aufrechterhalten, gegen eventuellen Widerstand vorgehen sowie die politischen Feinde des Reiches bekämpfen.

Wie stark war die Gestapo auf Grund mangelnder Orts- und Sprachkenntnisse auf die Zusammenarbeit mit Franzosen bzw. mit der französischen Polizei angewiesen?

Die oberste Führungsriege der Gestapo sprach Französisch: Helmut Knochen z. B., der Chef des Sicherheitsdienstes, hatte sehr gute Französischkenntnisse. Das galt auch für Herbert Hagen, sozusagen der rechte Arm und Vordenker des SS- und Polizeichefs General Oberg. Man kannte Frankreich also. Zudem waren zu Beginn natürlich nur sehr wenige Deutsche vor Ort, ein Dutzend etwa, doch sie verstärkten ihre Reihen nach und nach, bis sie 1942 die Leitung der Polizei übernahmen, die bis dahin unter militärischer Aufsicht gestanden hatte. Ab Frühjahr 1942 stand Frankreich gänzlich unter Führung der deutschen politischen Polizei, wobei diese natürlich auf die Polizei- und Verwaltungsstrukturen des Vichy-Regimes angewiesen war. Dies galt zumindest bezüglich der Judenfrage.

Gab es Franzosen, die leitend für die Gestapo tätig waren? In welcher Funktion?

Ob Franzosen dabei waren, schon zu Beginn? Nun, vereinzelt wurden den Chefs der Geheimpolizei Informationen zugespielt. Die Informanten schienen förmlich zu riechen, was die Franzosen in Paris dachten. Diejenigen, die jedoch wirklich für die Gestapo arbeiteten, waren die Dienststellen des „État français“, wie das Vichy-Regime offiziell bezeichnet wurde. Die Kollaboration etablierte sich, und zwar auf klarer Grundlage: Deutsche Gestapoangehörige standen unablässig in Kontakt mit der französischen Polizei, genauso war es auch im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. Ein deutsches System legte sich wie ein Netz über die Infrastruktur des Vichy-Regimes. Erst nach Stalingrad, im Jahr 1943, als die Franzosen am Sieg der Deutschen zu zweifeln begannen, mehrten sich die Vorbehalte innerhalb des französischen Staatsapparats. Andererseits mussten sich die Deutschen aber auch auf bezahlte Helfer aus den … sagen wir mal unteren Schichten stützen. Diese arbeiteten sowohl in Paris als auch in der Provinz für die Gestapo. 1942 waren es aber nicht diese „inoffiziellen Kollaborateure“, also Einzelpersonen, die die Juden verhafteten, sondern die Gendarmen und Beamten der französischen Polizei. Zwischen 1942 und 1944 besteht also ein großer Unterschied.

Welche Rolle spielten Denunziationen in der Bevölkerung?

Bezüglich der Denunziation von Juden kursiert in der Bevölkerung eine Legende, in Frankreich wurden nämlich nur wenige Juden verraten. Die Juden selbst haben den Begriff der Denunziation ein wenig mitgeprägt, weil sie das ihnen von Hitler aufgezwungene Schicksal nicht annehmen wollten. Dieses Schicksal war die Judenzählung, mit der die deutschen Besatzer die französischen Behörden sofort nach dem Einmarsch beauftragt hatten. In der besetzten Zone wurde die Zählung im September/ Oktober 1940 durchgeführt, im freien Teil des Landes im Juli 1941. Allerdings dachte im September/Oktober 1940 noch keiner an die mörderischen Absichten der Nazis, und im Juli 1941 konnte sich niemand vorstellen, dass die Deutschen bis in die freie Zone vordringen würden. So ließen sich also 95 % der Juden registrieren – zumal eine Weigerung hart bestraft wurde. Gleichzeitig besiegelten sie damit jedoch ihr Schicksal: Anhand der nach Adresse, Alphabet, Beruf und Staatsangehörigkeit geordneten Akten war es für die Behörden ein Leichtes, die Juden zu verhaften. Dies galt zunächst für die französischen Behörden, dann aber auch für die deutschen, vor allem, als 1944 von französischer Seite weniger Verhaftungen durchgeführt wurden als früher und die Deutschen besonders in Ostfrankreich nun selbst gegen die Juden vorgingen.

Gab es Fälle von passivem oder sogar auch aktivem Widerstand in der französischen Polizei und in den französischen Behörden, die mit der Gestapo zusammenarbeiteten?

Aktiven Widerstand gab es nicht, davon fehlt jede Spur. Aber den brauchte man auch gar nicht. Da die Deutschen 1942 die Festnahmen bekanntlich nicht überwachten, konnte man problemlos passiven Widerstand leisten: Anstatt dem Befehl Juden zu verhaften Folge zu leisten, ließ man es einfach bleiben. Aktiver Widerstand war also gar nicht notwendig. Lassen Sie mich das anhand einer einzigen Zahl belegen: Am Tag der Massenverhaftung im Vél’ d’Hiv, der größten, die es in Frankreich je gab, hatten die Deutschen und die französische Polizeipräfektur mit 22000 verhafteten Erwachsenen gerechnet. Tatsächlich wurden 9000 Erwachsene und 4000 Kinder festgenommen, was bedeutet: Die Polizisten hatten ihre Arbeit nicht getan oder nur wenig Eifer bei der Inhaftierung Unschuldiger an den Tag gelegt. Zeitzeugen, die damals im Kindesalter waren, berichten von Polizisten, die sie „Brot oder irgendetwas anderes kaufen“ geschickt hätten. So blieb eine Menge Kinder verschont. Die französische Polizei hat ihre Arbeit ohne großen Nachdruck erledigt, sich aber auch nie durch Streiks oder offene Weigerung den Befehlen widersetzt. So wurden aufgrund passiven Widerstandes statt 22000 Menschen nur 9000 verhaftet.

Ist die französische Situation exemplarisch für die anderer besetzter Länder?

Frankreich unterscheidet sich von anderen Ländern in gewisser Hinsicht durch seine Bevölkerung, die ab Sommer 1942 die Juden wirklich schützen wollte. Als die Franzosen feststellten, dass nicht nur jüdische Männer, sondern ganze jüdische Familien verhaftet wurden, überwanden sie ihre Vorurteile, verteidigten die Juden und widersetzten sich in Wort und Tat der Vichy-Regierung, der sie Mithilfe bei der Verhaftung von Juden durch Bereitstellung von Polizei und Verwaltung vorwarfen. Das macht den Unterschied vor allem zu den beiden Nachbarstaaten Belgien und Holland, aber auch zu Italien aus. Die belgische und holländische Bevölkerung war mit Ausnahme der Flamen nicht judenfeindlich eingestellt. Sobald in Holland Juden verhaftet wurden, kam es vor allem in der Arbeiterklasse zu Protesten. Doch gab es in Belgien und Holland im Gegensatz zu Frankreich eingefleischte Antisemiten, auch in den Reihen der Polizei. Aus diesem Grund kam es vor allem in Holland zu zahlreichen Festnahmen. Darüber hinaus existierten in Belgien und Holland bereits vor dem Krieg kollaborierende, also extrem deutschlandfreundlich gesinnte Parteien, was in Frankreich nicht der Fall war. Dies hatte in den beiden Ländern ungleich gravierendere Folgen als in Frankreich. In Italien war die Situation ähnlich wie in Frankreich: Auch hier wurden die Juden erfolgreich von der Bevölkerung geschützt. Während der ersten Hälfte des Krieges hielten Volk, Armee und Diplomaten Italiens das Mussolini-Regime noch in Schach. Mit der Errichtung der „Sozialen Republik Italien“ und der Machtergreifung der hartgesottenen Faschisten in der zweiten Kriegshälfte ging Mussolini dann jedoch noch schärfer und hasserfüllter gegen die Juden vor als das Pétain-Regime.

Warum braucht es Menschen wie Simon Wiesenthal und Sie, um solche Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen? Ist das nicht ein Versagen des Staates, der – im Gegensatz zu Privatmenschen wie Sie – über alle polizeilichen Mittel verfügt, NS-Verbrecher ausfindig zu machen und vor Gericht zu stellen?

Nach dem Krieg bemühten sich die Alliierten relativ erfolgreich um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Dann kam der Kalte Krieg. Und der war der beste Verbündete der Naziverbrecher, denn von westlicher Seite wollte man die Westdeutschen nicht verstimmen, und im Osten arrangierte man sich mit denen, die dem kommunistischen Lager nützlich waren. So mt blieben die Naziverbrecher in den 50er im Wesentlichen unbehelligt. Dann kam der Eichmann-Prozess in Jerusalem, für den Israel große Bemühungen unternommen hat: Es entführte Eichmann, um ihn in Jerusalem zu verurteilen. Dieser Prozess hat vor allem in Deutschland, wo es die „Ludwigsburger Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen“ gab, zu einer erneuten Auseinandersetzung mit den Naziverbrechen geführt. Aber es waren nicht die Nationalstaaten, die mit der Suche nach den Schuldigen begannen. Wiesenthal, meine Frau Beate und ich nahmen uns einiger Fälle an und konzentrierten uns vor allem auf Naziverbrecher, die in Frankreich und Belgien aktiv gewesen waren. Man kann nicht wirklich von Versagen des Staates sprechen, denn in Deutschland wurden ja immerhin einige Kriegsverbrecher verurteilt, und wenn auch oft nachsichtig vorgegangen worden ist, so sind doch wenigstens einige Verfahren eröffnet worden. Auch die alliierte Justiz hat ihren Beitrag geleistet. Wir haben zusammen mit Wiesenthal nach dem Willen der Opfer gehandelt und dafür gesorgt, dass die Naziverbrechen nicht ungestraft blieben.

Sie selbst haben Gestapomitglieder aufgespürt und dadurch etwas mehr über diese Leute erfahren. Was ist Ihnen an diesen Menschen aufgefallen? Was hat Sie überrascht? Gab es Fälle von echter Reue?

Die Reaktionen der Naziverbrecher haben uns nicht überrascht. Wir hatten es mit Leuten zu tun, die nur an sich dachten, die all ihre vor Jahrzehnten begangenen Untaten ganz einfach aus ihren Erinnerungen gelöscht haben. Als wir Herbert Hagen trafen, verlangte er: „Ich möchte einfach nur ungestört leben.“ Er empfand nicht das geringste Mitleid mit seinen Opfern, keine Spur von Reue, nur den Wunsch, unbehelligt sein Leben zu Ende zu führen. Es ist typisch für politische Verbrecher, dass sie keinerlei schlechtes Gewissen haben, denn die Befehle, die sie ausführten, kamen ja vom Staat, und wenn der Staat hinter einem steht, dann kann man ganz beruhigt sein. Dann sind auch schlechte Erinnerungen recht leicht zu vergessen. Vor allem, wenn es wie bei der Gestapo eine Arbeitsteilung gab: Hagen hat niemanden eigenhändig umgebracht, auch Knochen nicht und Lischka nicht. Auch der Generalstab brachte niemanden mit eigener Hand um und sah die Gewalttaten auch nie mit eigenen Augen. Die Arbeit wurde einfach aufgeteilt. Kurt Lischka ist der interessanteste Fall, denn er wurde später Prokurist einer Import-Export-Gesellschaft für Getreide und Vieh. Vieh schickt man zum Schlachthof, aber man geht nicht selbst dorthin. Und im Krieg gab es genau solche Schlachthöfe: Auschwitz, Sobibor, Treblinka. Doch die Naziverbrecher sind alle nie in Auschwitz, Sobibor oder Treblinka gewesen, sie waren ja noch nicht einmal in Drancy bei den Juden. Sie verrichteten eine geradezu abstrakte Arbeit: Quoten einhalten, sprich genügend Juden in die Lager schicken, um Berlin zufrieden zu stellen. Was in Auschwitz geschah, war ihnen völlig gleich. Nach Kriegsende sagten sie sich: „Selbst wenn wir gewusst hätten, dass es um die Tötung der Juden ging, so trifft uns trotzdem keine Schuld, denn wir haben sie ja schließlich nicht selbst umgebracht.“

Das Interview führte Angelika Schindler, November 2004

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Ins Deutsche übersetzte Bücher von Serge Klarsfeld:

Die Kinder von Izieu

Serge und Beate Klarsfeld

Edition Heinrich, 1991

Vichy-Auschwitz

Serge Klarsfeld

Greno, 1989

Bildunterschrift: Beate und Serge Klarsfeld haben sich die Aufdeckung von NS-Verbrechen zur Lebensaufgabe gemacht.

Bildrechte: SWR / © SWR/tvschoenfilm

Update: 29/11/04 | Zum Seitenanfang |

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