Buchtip: Buch aus SMSen…:DU HAST MICH AUF DEM BALKON VERGESSEN..!

Welche SMS hättest Du gestern Nacht lieber doch nicht verschickt..?

Mit SMSvonGesternNacht.de erfüllten sich Anna Koch und Axel Lilienblum im November 2009 einen kleinen Traum: eine eigene Website, die Spaß macht, ihnen selbst und allen Usern. Die Idee: bestechend einfach. Das Resultat: unglaublich komisch. «Welche SMS hättest du gestern Nacht besser nicht verschickt?» Diese Frage haben Zehntausende beantwortet, indem sie besonders lustige, merkwürdige, peinliche, schräge nächtliche Mitteilungen anonym einsandten. Für viele gilt das, was irgendwer exakt um 0:23 Uhr eines x-beliebigen Tages kundtat: «Lass mich in Ruhe, ich hab grad kein Deutsch».
Mit SMSvonGesternNacht.de erfüllten sich Anna Koch und Axel Lilienblum im November 2009 einen kleinen Traum: eine eigene Website, die Spaß macht, ihnen selbst und allen Usern. Die Idee: bestechend einfach. Das Resultat: unglaublich komisch. «Welche SMS hättest du gestern Nacht besser nicht verschickt?» Diese Frage haben Zehntausende beantwortet, indem sie besonders lustige, merkwürdige, peinliche, schräge nächtliche Mitteilungen anonym einsandten. Für viele gilt das, was irgendwer exakt um 0:23 Uhr eines x-beliebigen Tages kundtat: «Lass mich in Ruhe, ich hab grad kein Deutsch». Andere sind dadamäßig pfiffig, reinste Poesie. Ein Best of der geposteten Kurznachrichten liegt jetzt in einem Buch mit dem Titel Du hast mich auf dem Balkon vergessen vor. Einige der schönsten haben wir hier zusammengestellt.

Ob Liebesbotschaften oder nächtliche Geständnisse, alkoholseliges Gefasel oder philosophische Exkurse im 160-Zeichen-Format – hier tobt sich Menschliches, Allzumenschliches mit anarchischem Pathos aus. Sortiert sind die rund 500 SMS nach Absendezeiten, also: 23:29 – 0:54 Uhr: Zwischen Prosecco und Pro Familia. Oder: 3:59 – 5:26 Uhr: Gleich, ich will nur noch etwas tanzen. Und: 9:47 – 13:15 Uhr: Von fremden Betten und frischen Brötchen. Und nun: ab ins Vergnügen!

Flöße bauen, Zahnbürste kaufen, Harem anlegen

Pfadfinderlogik. 19:00 Uhr. Treffen uns um acht am Markt. 19:01 Uhr. Und wann? 19:02. Am Markt.

Ikea. 19:00 Uhr. Wir haben gerade bei Ikea 3197 Bleistifte mitgenommen. Bauen jetzt Floß.

Gut verhütet. 19:07 Uhr. Shit, ich wollte grad Kondome kaufen, da kommt A. plötzlich an mir vorbei. 19:10 Uhr. Supergau! Und jetzt? 19:15 Uhr. Jetzt hab ich ne neue Zahnbürste.

Beste Genesungswünsche. 19:47 Uhr. Hallo liebes Last.fm-Team, ich wünsche mir für meine Schwiegermutter, die derzeit im Krankenhaus liegt, von Ich+Ich: «So soll es sein, so kann es bleiben».

Sexy Geldanlage. 20:09 Uhr. Kannst du mir 20 Riesen leihen? Ich will mir einen Harem mit ehemaligen R&B-Sängerinnen anlegen.

Okay …. 21:07 Uhr. Ich weine oft. 21:10 Uhr. O.k., ich guck Fußball. 21:20. O.k., ich bin nackt.

Gymnastisches, Kulinarisches, Studentisches

My home is my castle. 22:30 Uhr. Bleib heute zu Hause. Hab versucht, Beyoncé nachzutanzen, und mir irgendwas ausgerenkt.

Hui & pfui. 22:34 Uhr. Wir haben hier kein Feng und Shui. Wir haben hier Schnitzel und Bier.

Zentimetergenau. 21:30 Uhr. Kann ich dir mal ne persönliche Frage stellen? 21:33 Uhr. 21 cm.

Kippe 1. 22:45 Uhr. Wer ist verzweifelter? Jemand, der keine Zigarette hat, oder jemand, der sie mit Tesa wieder zusammenklebt, weil sie geknickt ist?

Kippe 2. 0:51 Uhr. Liege schon im Bett und denke daran, wie schön es jetzt wäre, noch mal deine Kippe zu spüren …

Deutsch für Inländer, Deutsch für Ausländer

Hartz IV. 23:33 Uhr. Ja, ihr könnt alle zu meinem Geburtstag kommen … 23:40. Geschenke mitbringen? 23:55 Uhr. AUF KEINEN FALL! Auf eure Hartz-IV-Geschenke kann ich verzichten … Abgebranntes Studentenpack!

Nochmal Studentenpack. 23:51 Uhr. Anglistenparty? Du hast halt keine Würde. Artikel 1 ist für dich abgefahren. Trotzdem viel Spaß!:-) 23:53 Uhr. Wie gut, dass ich nicht so bibelfest bin wie du. :-) 23:57 Uhr. Verfassung, Alter. Die Verfassung! Und jetzt schnapp dir ne Studentin!

Deutschlos. 0:23 Uhr. Lass mich in Ruhe, ich hab grad kein Deutsch.

Bier, ungezuckert. 0:48 Uhr. Hat bier zucker drinx? Hab mir grad die zähne geputzt und mit bier mund ausgespült aber jetzt muss ich gleich nnomal. Also nur wenn’s kein zucker drin hat.

Warum nur? 1:09 Uhr. Warum rufst du mich an? 1:12 Uhr. Warum schreibst du mir?

Karl Marx. 1:20 Uhr. Ich liebe dich. 1:23 Uhr. Liebe! Noch so ein Problem, das Marx nicht gelöst hat!

Delirium. 1:26 Uhr. Dilirium, delarium, voll wie ein Aquarium.

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Axel Lilienblum, Anna Koch

Du hast mich auf dem Balkon vergessen

rororo 272 S.

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Leseprobe

Zwischendrin – ein BUCH! “die MEINUNGSMACHER”

**** Aber das ist noch nicht die eigentliche Rezension..!****

last page view: 3.234.925.
gestern: 2.447
heute: 1.842 – willkommen!
SONNE IN BERLIN…!

Eben noch live-text-Site:

**** Aber das ist noch nicht die eigentliche Rezension..!****

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gestern: 2.447
heute: 1.842 – willkommen!
SONNE IN BERLIN…!

13 Uhr 10 –

…wie Leif Kramp und Stephan Weichert
das Dilemma der fortschreitenden Irrelevanz
des öffentlich-rechtlichen Fernsehens
und sogenannter “politischer Talk-Shows” …analysieren und sezieren,
als auch der Polit-Magazine –

..und du merkst,
ehrlich, es tut irgendwo gut,
in all seiner Tristesse!
du bist nicht ganz …
wie heißt das Wort noch mal dafür..?
du leidet also nicht an
Wahrnehmungseintrübungen,
nein,
es ist wahr,
es stimmt,

sie haben sich totgeredet,
zwischen Größenwahn und Selbstüberschätzung
“Schaulaufen” bei ANNE WILL…MAYBRIT und PLASBERG…
nein, “Schau-Sitzen”…
bei gleichzeitig gegenseitigen Einladungen
ins Allerheiligste,
die Küche, privat,
wo sich vorgeblich kritische Hauptstadt-Journalisten und Politiker jedweder Couleur zum munteren Gewürz-Mischungs-Poker austauschen..

Es PASST wie die Faust aufs Auge –

dass nicht Journalisten den Futtermittel-Skandal aufgedeckt haben,
wie es früher einmal vielleicht der Fall gewesen wäre,
als es noch Journalismus gab,
sondern die Gift-Beimischer
durch irgendne Probe-Entnahme…

na, wie auch immer –

Journalisten waren es nicht.
Die aufgedeckt haben.

Jetzt müssen sie wenigstens SCHARF dranbleiben,
statt Einlullungen sofort nachzukäuen,
wie gestern selbst ZEIT-online…!!

Juchhu! Endlich 3 Bücher durch den Schnee gekommen… die Feminissima rezensieren möchte:

3.227.850.

heute: 255 – willkommen!

PETRA RESKI

Von Kamen nach Corleone-

DIE MAFIA IN DEUTSCHLAND

LEIF KRAMP & STEPHAN WEICHERT

DIE MEINUNGSMACHER

ÜBER DIE VERWAHRLOSUNG DES HAUPTSTADTJOURNALISMUS

-politischer Journalismus zwischen Realitätsverlust, Sensationsrummel und Wichtigtuerei –

NICOL LJUBIC

M E E R E S S T I L L E

Verlag – Hoffmann & Campe

Bis also bald…an dieser Stelle…! Oder aktualisiert..!

auch die vielgelesene “Apfelkuchen”..Rezept-Such-&-Find-Story. wird rübergeholt…später..!

..und die pageviews nicht vergessen!
3.227.825.
heute: 231 – whow!

klar, hier mal den noch auf der live-Site-Text..herum-veraltenden…Text…weil noch vor Weihnachten, jetzt auf “Bücher” gesetzt…denn warum sollte es auch einfach sein, später- später den Text dann auch wiederzufinden…Und vielleicht erfüllen wir ja den Wunsch unserer FANS —mit auch mal ..heiter-ironischen Texten..ein Textbuch zu printen..statt only-onliny….na, dann ist der Witz auch verloren. Oder nicht..??
Jetzt hier noch nichts.

Der in diverse Teile …aufgeteilte Langtext…

ist noch nicht für diese Rubrik hier – bearbeitet.

Vorfreude…ist ja auch nicht übel…(Und eine gute Ausrede auch nicht…)

Thilo Sarrazin und Tommy Jaud die ABRÄUMER des Jahres 2010

Tommy Jaud – wer ist das?

update – 10 Uhr 52 – die live-text-Site noch immer nicht wieder zugriffs..willig..oh

last page view – 3.227.780. – willkommen!

wie BÖRSENBLATT-online gestern berichtet:

Die Hetzschrift “Deutschland schafft sich ab” –
von Th. Sarrazin, Noch-SPD,ist der meistverkaufte Hardcover-Titel des Jahres 2010.

In einem Interview räumte Thilo Sarrazin ein, das Buch habe ihn zum Millionär gemacht.

Andererseits hat es ihn Ansehen und seinen Job bei der Bundesbank gekostet.

Auch die SPD will den Mann loswerden.

Geld allein ist ebenlängst nicht alles.

Der BELLETRISTIK-ABRÄUMER – Hardcover –

war laut Media Control –

Tommy Jauds HUMMELDUMM.

Laut AMAZON wurde der Buch-Bestell-Rekord vom Dezember 2009 im Jahr 2010 noch übertroffen.

Nachher mehr…

PRESSESCHAU – Das literarische Frankfurt lebt auch ohne suhrkamp sehr….

FAZ.NET …und der Geheimtip, der längst keiner mehr ist – SCHÖFFLING-VERLAG
26. Mai 2010

Frankfurts literarisches Selbstverständnis

Verblichen, verlassen und erblüht

Suhrkamp zog von Frankfurt nach Berlin – das Ende der städtischen Kultur? Die verlassene Metropole gibt sich keinem Phantomschmerz hin. Stattdessen kündigt sich der Aufbruch in ein neues literarisches Leben an.

Von Sandra Kegel

Und so bleibt eine Stadt literarisch: Michael Quast liest in der Kaiserhofstraße 12 aus dem gleichnamigen Roman von Valentin Senger

Und so bleibt eine Stadt literarisch: Michael Quast liest in der Kaiserhofstraße 12 aus dem gleichnamigen Roman von Valentin Senger

25. Mai 2010

Ach, Frankfurt. Den leisen Seufzer meinte man gerade noch überall in der Stadt zu hören. Denn das langsame, aber unaufhaltsame Sterben des geistigen Lebens hier schien besiegelt. Die Goethe-Universität lässt nicht mehr ahnen, dass sie ein Zentrum der Achtundsechziger-Bewegung war. Das Institut für Sozialforschung lebt von verblichenem Ruhm. Und Anfang des Jahres machte sich der Suhrkamp-Verlag auf und davon, um im Labor Berlin die breiten Boulevards zu erforschen. Ehrlich gesagt: Konnte man die Suhrkamps nicht irgendwie verstehen?

„First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin, da, wo die Leute nur aus Heimweh hinziehn“, heißt es treffend in einem Song, in dem sich nun die Band Blumfeld des Themas auf ihre Weise angenommen hat. Frankfurt dagegen, so meint man, nährt selbst bei Frankfurtern das Fernweh: Kleinbürgermief und Großmannssucht, Rotlichtmilieu und kalte Hochhauspracht. Oder hat man sich etwas vorgemacht? Frankfurt ohne Suhrkamp erinnert an ein altes Sofa, auf dem ein Gast etwas zu lange saß. Wenn er aufsteht, hinterlässt das auf dem Polster zwar Falten und Schrumpeln, aber schon der Nächste, der kommt, muss nur am Bezug etwas ziehen, und das verknautschte Sofa sieht wieder ganz manierlich aus, ja fast glatter und gespannter als zuvor.

Keine Zeit zum Jammern

Eine Stadt las ein Buch – dank des Verlegers Klaus Schöffling

Eine Stadt las ein Buch – dank des Verlegers Klaus Schöffling

Dass sich der berühmte Verlag samt seiner gleichnamigen Kultur aus dem Staub gemacht hat und dessen Archiv in die entgegengesetzte Richtung seinen Weg aus der Stadt nahm, ist schlimm für das Frankfurter Selbstverständnis. Doch im selben Moment hat der Verlust Kräfte freigesetzt, von denen kaum jemand wusste, dass es sie gab. Der Verlag hielt eine Position im literarischen Leben der Stadt besetzt, die er, zumindest in den letzten Jahren, gar nicht mehr ausgefüllt hat. Anders etwa als der S. Fischer Verlag lud Suhrkamp nie zu öffentlichen Autorenlesungen in die Verlagsräume ein.

So war der Schritt vom Main an die Spree für Suhrkamp vielleicht sogar konsequent. Für die Zurückgebliebenen indes bleibt kaum Zeit fürs große Jammern, denn derzeit folgt ein literarisches Ereignis auf das nächste. So beginnt an diesem Dienstag das Festival „LiteraTurm“, das seinen Namen den Hochhäusern verdankt, in deren oberen Etagen eine Woche lang die meisten der Lesungen und Podiumsgespräche stattfinden werden. Seit 2002 organisiert die Stadt alle zwei Jahre dieses Literaturfest, das unter dem Titel „radikal gegenwärtig“ dieses Jahr den zeitgenössischen Roman und seine Diagnose der Gegenwart beleuchten will. Autoren wie Katharina Hacker, die ihren neuen Roman vorstellt, Annette Pehnt oder Lutz Seiler sollen ihre Themen in die Stadt projizieren: Leuchten von oben.

Eine Stadt hat ein Buch gelesen

Zum Thema

* Im Gespräch: Irmgard Senger und Arno Lustiger: „Diesen Schwindler muss ich entlarven“

* Es gibt sie noch, die guten Bücher

* Literaturhaus Frankfurt: Lauter weiße Programmblätter

* Frankfurter Literaturinstitutionen: Hückstädt für Gazzetti, Oberländer für Söllner

* Internet-Debatte: Wenn Literatur sich im Netz verfängt

Im Gegensatz zu diesem bewährten Schema literaturbetrieblicher Aufklärung ist der gerade zu Ende gegangene literarische Reigen „Eine Stadt liest ein Buch“ – nämlich Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12“ – eine literarische Intervention gewesen, ein Experiment, mit einem Lichtschein von unten. Am Beginn stand die Entschlossenheit des Verlegers Klaus Schöffling, der auch ohne große finanzielle Unterstützung der Stadt an die Idee glaubte, ganz Frankfurt für einen einzigen Titel begeistern zu können. Das Format stammt aus Chicago: „One city, one book“; in Deutschland haben es schon Städte wie Köln und Heidelberg übernommen. Schöffling und seine zehn Mitarbeiter haben das Frankfurter Unternehmen im Alleingang organisiert, nach Büroschluss in der Kaiserstraße unweit des Bahnhofs, dort, wo auch die Wiederauflage des Buchs erschienen ist.

Von dieser unglaublichen Überlebensgeschichte des jüdischen Kommunisten Valentin Senger in einem Hinterhof während des Dritten Reiches konnten die Frankfurter nicht genug bekommen. Mehr als siebzehntausend Besucher strömten drei Wochen lang zu den fast zweihundert Veranstaltungen rund um Orte und Begebenheiten aus der „Kaiserhofstraße 12“, und nicht nur bekannte Autoren und Schauspieler wie Alissa Walser, Susanne Fröhlich, Peter Härtling oder Iris Berben beteiligten sich, sondern auch Oberbürgermeisterin Petra Roth, die samt dem gesamten Magistrat im Römer aus Sengers Buch las. Die Begeisterung der Stadt hat die Neuauflage der „Kaiserhofstraße 12“ auf Platz dreiundzwanzig der „Spiegel“-Bestsellerliste gehievt.

Keine Versammlungsstätte für Wichtigtuer

„Wenn Valentin Senger das bloß noch erlebt hätte“, sagt die Schriftstellerin Eva Demski, die den Autor, der vor dreizehn Jahren starb, gut gekannt hat. Eva Demski und Senger haben beide das bewegte Frankfurt der Nachkriegszeit und der sechziger und siebziger Jahre erlebt; als man tagsüber Häuser besetzte und sich abends im Club Voltaire traf, man „Pardon“ las, mitbegründet von Chlodwig Poth und Hans Traxler, die natürlich auch links war. Auch so wurden in Frankfurt Talente wie F. W. Bernstein oder Robert Gernhardt entdeckt. Und die Entdeckungssuche geht weiter: jeden zweiten Dienstag im Monat, wenn die Redaktion der „Titanic“ im Club Voltaire vor stets ausverkauftem Haus einen Einblick in das kommende Heft bietet und im Rückblick Klassiker zu Lesungen einlädt.

Es soll ein “begehbares Feuilleton“ werden: Das Frankfurter Literaturhaus

Es soll ein “begehbares Feuilleton” werden: Das Frankfurter Literaturhaus

Doch ist das genug? Kann man heute, LiteraTurm und Buchmesse hin, Romanfabrik und Literaturhaus her, von Frankfurt als literarischer Stadt sprechen? „Ja eben nicht“ – sagt entschieden Wilhelm Genazino, um sogleich fortzufahren: „Das macht die Stadt für mich ja so interessant!“ In Berlin, dieser Versammlungsstätte der Dauerwichtigtuer, die ununterbrochen selbstreflexiv produzieren müssten, fühlt er sich am falschen Ort. Der „rhetorische Dauerstress“ würde ihn von der Arbeit abhalten, erklärt der Büchnerpreisträger mit Wohnsitz Westend. Man ahnt, für den Schriftsteller ist ein literarischer Ort ohnehin etwas anderes als für den Verleger oder den Bürger, einmal abgesehen davon, dass der Schriftsteller im Kaffeehaus vielleicht nur die literarische Fiktion von Peter Altenberg ist.

Wäre er dreißig Jahre jünger, schiebt Genazino dann doch nach, wäre seine „Fähigkeit zur Überschätzung“ womöglich ebenfalls so ausgeprägt, dass er längst in Berlin wäre. In Frankfurt aber fühlt er sich frei: „Weil die Stadt mich nicht von meinem Leben abhält, mich nicht dazu benutzt, irgendetwas zu sein oder darzustellen“ – und sei es ein Schriftsteller. Autoren wie Martin Mosebach, Bodo Kirchhoff und Andreas Maier halten denn auch nicht Hof in ihren Frankfurter Stammlokalen, sondern verbringen dort einfach den Abend. Mit ihnen ist es wie mit der Architektur in diesem sich unentwegt verändernden Stadtbild: überall weitverstreute, interessante Solitäre, die sich zu keinem Ganzen verbinden.

Aus der Kulturkarawane nach Frankfurt

Sie prägen die städtische Literatur: Joachim Unseld (l.), Maria Gazzetti (m.) und Hauke Hückstädt (r.)

Sie prägen die städtische Literatur: Joachim Unseld (l.), Maria Gazzetti (m.) und Hauke Hückstädt (r.)

Das freilich ist ein Erbe dieser Stadt, die nie Residenzstadt war, sondern immer Bürgerstadt. Auf Schein wurde hier früher nie Wert gelegt, und mit den Regeln des Spiels von Sehen und Gesehenwerden ist kein Frankfurter wirklich vertraut. Was Frankfurt an Institutionen hat, von Krankenhäusern bis Museen, verdankt die Stadt Bürgerstiftungen und -initiativen. Neugier und Offenheit, glaubt Thomas Hettche, Schriftsteller und in Frankfurt promovierter Literaturwissenschaftler, gehören zur Mentalität Frankfurts, einer Stadt der Händler, die sich immer für alles interessieren muss, was um sie herum geschieht: „Diese Form realitätszugewandter, schneller, kluger Sensibilität, die zeichnet für mich auch den Schriftsteller aus. Vielleicht fühle ich mich deshalb hier so wohl.“ Hettche, 1964 in der Nähe von Gießen geboren, sagt dies als jemand, der vor etlichen Jahren mit der Kulturkarawane nach Berlin gezogen ist. Aber er hält es dort nicht mehr aus. „In Berlin erfinden sich alle ständig neu, mich aber hat es immer mehr interessiert, andere zu erfinden. Dazu braucht es eben Neugier und Offenheit, keine Egozentrik.“ Jetzt zieht Hettche zurück nach Frankfurt.

Die Stadt wird von einem literarischen Neuanfang auf mehreren Ebenen erfasst. Abgetreten sind drei Diskurs-Königinnen: die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz, die Theater-Intendantin Elisabeth Schweeger und Maria Gazzetti, die fünfzehn Jahre lang die Zügel des Literaturhauses fest in der Hand hielt. Oliver Reese, dem Nachfolger Elisabeth Schweegers, ist tatsächlich das Unmögliche gelungen: In dem vom Thesentheater erschöpften Publikum hat er eine Schauspieleuphorie entfacht.

Die schöne Aussicht für das Literaturhaus

Das Erbe von Maria Gazzetti tritt zum 1. Juli Hauke Hückstädt an, der trotz seinen einundvierzig Jahren so jugendlich wirkt, als käme er direkt von der Göttinger Unibank. Hückstädt begrüßte seine neue Heimat in einer ersten Pressekonferenz mit dem Bekenntnis, er komme als ein „weißes Blatt“ und wolle sich von der Stadt inspirieren lassen. Dabei ist der Tour-de-France-Fan gar kein unbeschriebenes Blatt. In seinen zehn Jahren am Literarischen Zentrum Göttingen hat er immer wieder für Aufsehen gesorgt. Das Frankfurter Literaturhaus will er nun in ein „begehbares Feuilleton“ verwandeln, wobei er gewiss den erweiterten Feuilletonbegriff im Blick hat. Vor fünf Jahren ist das Literaturhaus aus dem Westend an die Mainuferstraße mit dem Namen Schöne Aussicht umgezogen. Noch muss man den Taxifahrern sagen, wo es liegt.

Nach einem programmatischen Neuanfang könnte entstehen, wovon Joachim Unseld träumt, der Verleger, der sich mit dem Namen seiner „Frankfurter Verlagsanstalt“ gegen Wegzugsversuchungen abgesichert hat und neuerdings Vereinsvorsitzender des Literaturhauses ist: ein Treffpunkt der Literatur in Frankfurt. Für das Literaturhaus wäre das eine schöne Aussicht.

Text: F.A.Z.

Bildmaterial: ©Helmut Fricke, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Wonge Bergmann

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Lesermeinungen zum Beitrag [1]

* zwischen literatur, geld und rotlicht 25. Mai 2010, 21:28

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…Die Familie – LING – Früh-LING & seine Brüder

Quelle – http://www.boehmeke.de/TRADUCCIONES/ling.htm
…Allein “Lieb-ling”..ist nicht verächtlichmachend..
oder ironisierend..

Für Sprachinteressierte ein GOOGLE-BOOK,
hoffentlich mit genehmigtem Abdruck!
“Schulgrammatik der Deutschen Sprache/von Karl Ferdinand Becker..in alter Schrift,
muß vor dem Zweiten Weltkrieg gedruckt worden sein.

Boehmeke.de geht auf die “Familie LING” spielerisch ein.
Und weist drauf hin,
nicht mit der Familie “ING” zu verwechseln.

Die aus dem Englischen eingewandert ist.

Und gerne auf die Familie – UNG zu verzichten.
Weil sie so förmlich ist, außer vielleicht UMGEB-UNG…alle andere eher im abstrakt-bürokratischen Rahmen…Verrichtung…nicht wahr…!

Selina oder das andere Leben

2.11. SELINA ODER DAS ANDERE LEBEN- von Walter Kappbacher – Georg-Büchner Preisträger 2009
last page view: 2.542.504.
gestern: 4.155
heute: 310 –
willkommen!

2.11. SELINA ODER DAS ANDERE LEBEN- von Walter Kappbacher – Georg-Büchner Preisträger 20092.542.504.
>gestern: 4.155
heute: 310 –
willkommen!
2 Uhr 45/ 3 Uhr am –
Dieser Text
ist mit dem anderen verwandt:
Eine winzige Textstufe tiefer..

…Erst
mit diesem
2005 erschienen Roman
wurde der 70jährige österreichische Dichter und Autor
einer breiteren,
wenngleich doch eher schmalen,
Öffentlichkeit bekannt.

Man liest Vergleiche mit Themen von Jean Paul..
Liebt man Vergleiche?
Es kommt drauf an.

Zeitgleich zu Kappbachers..
die Formulierung noch im Ohr…
“Melancholischer Grundton”…

wirkt es deutsch und trist,
wenn Jessica Schwarz
ihren Selbstmordversuch aus Liebeskummer,
nach der Trennung von Daniel Brühl…:

“nach Suff bis zum Umkippen”…

jetzt zum Start ihres
ROMY SCHNEIDER FILMS
in BILD am SONNTAG
BEKANNT-gibt….

Das erinnert an diverse andere Schauspieler…
bislang eher männlich,

die sich als PR für ihren Film,
denn sogar als scheinbare ..Ex-Säufer
darstellten …und “outeten”.

Wirklich, wer will das wissen?
In einem anderen Zusammenhang
würde es dir
furchtbar leidtun.
Und vor allem, alle Glückwünsche!!
dass es dann doch NICHT geklappt hat!

Aber als PR …bloß abgeschmackt!
Wer hat ihr bloß DAZU geraten?!

Als ob man deswegen
eher in den Film ginge?
Nach dem Michael-Jackson-Hype-Motto –
“Death sells??”

Eigentlich auf der Suche nach einem guten Text über
Walter Kappbacher bei ZEIT-online,
findest du das Novum,
dass ZEIT-online
BILD am SONNTAG
zitiert –
mit der dpa-Meldung…:
über Jessica Schwarz…
Ja, dpa meldet über die Story in der BamS,
und Zeit-online druckt die dpa-Meldung.

GELESEN: Der Tod meiner Mutter /von Georg Diez/9/09

von der live-Site / 24. September 2009
24.9. – Georg Diez : Der TOD meiner MUTTERupdate: 13 Uhr 50
2.464.290.
gestern: 1.715
heute: 1.275 – willkommen!
________

7 Uhr 12
last page view: 2.463.830 – guten Morgen!

Cordt Schnibben/SPIEGEL
schrieb:

“Ich kann mich an kein Buch erinnern,
das mich so leiden ließ,
so aufregte,
so aufsog,
so anfüllte.”

Er hat recht.
Unsere Verluste.
Scheinbar tief verkrustet.

Mit jeder
Zeile
bricht sie
wieder auf.
Die verdrängte,
die zugemauerte,
die verbarrikadierte
Trauer.

Georg Diez zeichnet Lebensspuren nach.
Die seiner Mutter.
Die seines Vaters.
Seiner Großmutter.
Seine eigenen.
Und so geschieht es Dir.
Beim Lesen.
Die Spuren Deines Lebens..
die Fäden,
jener Spindel,
die als Symbol für “Leben” gilt.
Die zerweinten Taschentücher
stapeln sich neben dem Buch.
du kannst es nicht
“in einem Atembzug” lesen.

Oh – nein – bitte!
Erwartet keine Analyse!
Keine BE-SCHREIB-UNG.

Doch, du kannst “etwas”
beschreiben..
und schon sinkt die Feder wieder aus der Hand –

Diese ungeheure Trauer,
die dich erfasst,
diese nie zuvor gelesen-erlebte Präzision
der Darstellung
einer Verlorenheit,
Hilflosigkeit,
verstohlenen Zärtlichkeit,
des Kindes, wenngleich erwachsen,
als Zuschauer, Teilnehmender
und zugleich Außenstehender,
sich des Lebensglücks des Lebenden
schier Schämenden..
Wenn der Tod “alles einkreist”,
auch das eigene Leben.
Die Sterbende um ihre Demütigung
des Sterbens weiß,
wenn eine “starke Frau lernen muß,
schwach zu sein…”

Die sachte Sprache.
Wie geflüstert.
Um nicht zu erschrecken.
Die Behutsamkeit.
Die Ohnmacht.
Nicht sehen wollen, was du siehst.
Doch sehen wollen,
weil du es weißt.
Nein, als sie punktiert wird,
als ihre Lunge so voller Wasser,
da sitzt er am Ende des Raumes,
er ist da,
aber will ihr die Würde lassen,
dass er nicht zuschaut.

Die Glasklarheit.
Der letzten Bilder.
Das Wissen,
sie, die Mutter,
wird die Isar,
den lebendigen Fluß,
den eher heiteren Fluß,
im nächsten Sommer nicht mehr sehen.
Im Frühjahr schon nicht mehr.
Und auch nicht ihre Terrasse,
den kleinen Garten,
den sie so liebte.

Es sind die zentrierten Momente, wie eingefroren,
wie in die Seele hineinfotografiert.

Darf er ihr die Kissen zurechtrücken.
Er, der Sohn?
Seine Hand, fährt vorsichtig über ihr Haar –
Kinderhaar, dünn und zart.
Er stellt das Mineralwasser,
das besonders schonende,
aus dem Kasten auf einen Hocker,
damit sie sich nicht bücken muß,
die Mutter,
und sie trinkt zu wenig, viel zu wenig,
und isst auch viel zu wenig.
Nicht mal Pudding.
Die Chemo
hat die Geschmacksnerven zerstört.
Das Innere,
ihr Inneres,
wundgemacht.
Du zerbrichst an jeder Zeile.
Und es ist das Leben,
wie das Leben ist:

Der Sohn arbeitet und lebt in Berlin.
Die Mutter stirbt in München.
Sie war vor Ewigkeiten
aus der bürgerlichen,
aber standesgemäßen..
Enge Schwachhausens/Bremen
nach München gezogen.
So weit weg, wie es ging.
Der Sohn und seine Frau
erwarten ihr erstes Kind.
Die sterbende Mutter
kauft die gelben Söckchen,
im Rollstuhl,
vom Sohn geschoben,
in diesem Geschäft für Kindersachen.
In “ihrem” Viertel, Glockenbachviertel.
Sie weiß,
dass es eine rosa Prinzessin wird,
ihre Enkelin,
ein Mädchen.
Auf jeden Fall.
Und der Tod wird nach hinten geschoben.
Ihre Enkelin will sie doch noch kennenlernen.
Es ist diese Nähe-Distanz,
die die Sterbenden von den Lebenden trennt,
und die Lebenden von den Sterbenden,
jedesmal einen Atemzug mehr,
und Zeit ist Gott
und Gott ist Zeit.
An Gott hat die Mutter längst nicht mehr geglaubt.
Die Mutter,
früher Kirchenmusikerin,
hat allem abgesagt,
nach der Scheidung vom Mann,
vor 30 Jahren,
er war Pfarrer.

Zaghaft..bricht auf,
was das Leben war…
und in dritter Generation nicht “echt”…
Was die Großmutter so wollte,
Standesbewußtsein,
verweigert die Tochter,
und hat doch einen Pfarrer geheiratet.
Später auf Familientherapeutin umgesattelt.
Von Familie hielt sie nichts.
Nester der Unterdrückung.

Als sie Georgs Vater getroffen hatte,
in der Schweiz,
da war das noch anders…

” Sie lernte dort meinen Vater kennen,
der so aufgeschlossenwar,
und gewinnend und gut Englisch sprach,
weil er in Amerika studiert hatte,
sie gingen zurück nach Deutschland,
sie schrieben sich,
sie hatte Sehnsucht nach der heilen Familie,
die er,
so dachte sie,
anbieten konnte.
Und sie heirateten.”

Und danach der Satz:

“Wie sich eben aus Täuschungen
ein Leben formt.”

Der Sohn…,

was kann er …für sie tun,
und wie sie kleine Sätze sagt,
und wie sie gegen die Wand starrt.
Und wie sie ihre Sonnenbrille aufhat,
in ihrem Liegestuhl auf der Terrasse,
im kleinen Garten.
Ihre bunten Schals um den Hals.
Wie sie sagt:
“Das war ein schöner Nachmittag.”
Wenn er in der Tür steht,
wieder auf dem Weg zum Flugzeug,
zurück nach Berlin.
Und wie er sagt,
dass die Pflegerin gleich kommt.
Und am Morgen die beste Freundin.
Am Wochenende hat er den Geburtsübungskurs mit seiner Frau,
in Berlin.
Er kann nicht bleiben.

Nein, der Vater,
der seine frühere Frau
seit 30 Jahren nie mehr gesehen hat,
soll
“keinen letzten Blick”
auf die tote Mutter werfen dürfen.
Die Verwandten können sich nehmen,
aus der Wohnung,
was sie möchten.

Er hatte alles richtig machen wollen,
kein Sterben im Krankenhaus.
Die Mutter nahm selbst
die eigene Bettwäsche mit,
früher,
wenn sie verreiste.

Sie sollte nicht im fremden Geruch
eines Krankenhausbettes
sterben.

Und doch war er, der Sohn,
gerade woanders,
als sie starb,
die Mutter.
Er kommt zu spät.
Er ist allein mit der Leiche seiner Mutter in der Wohnung,
setzt sich auf den Boden,
steht auf,
spielt den Song,
der im CD-Player liegt,
“Home”, von Benjamin Biolay und Chiara Mastroianni,
setzt sich wieder auf den Boden,
neben ihrem Bett.

“Ich legte die Hand wieder auf ihre Wange
und ließ sie dort liegen,
ich nahm sie langsam weg und spürte,
wie die Haut etwas an meiner hängen blieb,,
als wolle sie mitkommen,
als wolle sie nicht weggehen”.

Er lässt eine Totenmaske von ihr anfertigen,
vom Maskenbildner der Münchner Kammerspiele.

“Die Frage blieb,
wer ich sein würde,
wenn sie ganz fort war.”

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Kiepenheuer & Witsch,
Köln, 204 Seiten,
16,95 Euro

P.S. Wie kann ein Mensch
so gut schreiben?
Es muß als genialisches Talent
mit in die Wiege
gelegt worden sein.

Diez schreibt als Autor für die SÜDDEUTSCHE.
Mit Stationen zuvor
bei der ZEIT,
der FAS…

Er ist 40 Jahre alt.