Lila Petunien – Abglanz eines Sommers in Berlin, 2006

Hallo – Ja, diese Geschichte ist nicht so lang, aber eine echte Kurzgeschichte ist es auch nicht, jedenfalls nicht mit dem Anspruch “Literatur zu sein”- .Nun lag sie so lange, seit 2006 in WORD herum, unlängst wiedergefunden, den Titel vorher geändert, und die Abspeicherung …na, Ihr wisst, was ich meine. Nun hab ich sie im letzten Monat – oder ? noch etwas entstaubt und ehe sie noch länger sich auf WORD langweilt – und die Jahre vergehen, habe ich gedacht, irgendwie passt sie zu der aktuellen Zeit, auf irgendeine Weise…. Wenn Ihr Lust habt, lest selbst…

Lila Petunien – oder: Abglanz eines Sommers – 2006 in Berlin
von Roswitha – “Florence”

Ich stand auf meinem Balkon und starrte hinunter auf den Kaiserdamm. Die Luft war stickig. Autos rasten rein und raus aus der Stadt. Tag und Nacht. Immer. Unter mir lag die mächtige Kreuzung. Es krachte oft.
Hinter den Dächern der Stadt war die Sonne untergegangen. Ihr Abglanz tauchte den Himmel in diffuses Blaurosa, wie abkühlend, nach der Hitze des Tages. Es gab zu viele von solchen Tagen, in diesem Sommer. Ich wollte zurück in mein Zimmer, mir eine Zigarette holen, in mein 1-Zimmer-Apartment, möbliert, mit dem schmalen Bett in einer Art Alkoven, meine Bleibe für den Übergang, als ich bemerkte, plötzlich, wie erschöpft meine Petunien in den Blumenkästen hingen. Jene Petunien, die mir seit Wochen das Leben verschönerten. Mit ihrem Anblick. Ihrem feinen Duft. Sie blühten und blühten, vermehrten sich, überwucherten den von Abgasen grau gewordenen Waschbeton der Balkonbalustrade.
Und jetzt! Ausgemergelt. Ausgebleicht.
In dieser Sekunde durchfuhr mich der Funke der Erkenntnis. Die Antwort auf alle Fragen. Doch ehe ich die Vision festhalten konnte, zu Papier und Bleistift eilen konnte, war sie erloschen. Aus und vorbei. Das Wissen um die Welt, das Leben, den Planeten, die einzige, allumfassende Antwort, ich hatte sie gekannt! Doch es war wie bei einer Sternschnuppe – kaum hast du sie erblickt, ist sie bereits wieder verglüht.
Ich gab meinen Blumen Wasser. Lauschte dem Glucksen der Wassertropfen im Erdreich der Blumentöpfe. Steintrocken, die Erde. Dabei hatte ich erst am Morgen gegossen. Dazwischen lag ein langer, heißer Tag. Dieser Sommer! Er übertraf bereits den Sommer 2003, mit seinen Wochen von “Hitzeperioden”, wie sie es in den Fernsehnachrichten nannten, verkündeten, gutgelaunt, noch immer. Jene Tage, inzwischen sind es Wochen, dass diese Sonne in mein Zimmer knallt: Südseite. Das Südlicht, den ganzen Tag lang, auf das ich mich gefreut hatte, beim Einzug an einem mürrisch-verregneten Februartag. Und jetzt – auch nachts keine Abkühlung. Für mich jedenfalls nicht, in meinem Zimmer, auf meinem winzigen Balkon im dritten Stock, über einer dahinwelkenden Linde.
Inzwischen war „dieser Sommer“ zu einem nachrichtlich relevanten Thema aufgestiegen. Sie berichteten täglich in diesen Programmen, die du dir anschaust, weil dir nichts Besseres einfällt, von „dieser Hitze“. Und sie schmückten sie mit allerlei verschrobenen Vorsilben oder Metaphern, wie „Wüstensommer“. Weil sie ja das Wort Klimakatastrophe wohl nicht in den Mund nehmen durften. Das war wohl verboten. Sonst hätten sie es doch genannt. Oder? Einige getrauten sich, den Sommer 2003 zu erwähnen. Und wenn sie besonders mutig waren, nannten sie Zahlen der Hitzetoten, allein in Europa, in jenem Sommerr 2003. Als Vergleich – und ob in diesem Jahr, nur drei Jahre später,… auch wieder…so viele Opfer von Hitze zu beklagen wären. Denn dieser Sommer 2006 war noch heißer. Und du dachtest sofort an die Zahl von 40.000 Menschen, die an der Hitze gestorben, verstorben waren. Wie so oft, oder immer, waren es vor allem Alte, die in Pflegeheimen, wie diese Einrichtung des Wegsperrens von Alten, Gebrechlichen, Hilflosen, genannt wird, gestorben waren – verdurstet, dehydriert, oder die Hitze hatte das geschwächte Herz soweit gebracht, dass es aufhörte, zu schlagen. Es gab keine Klima-Anlagen. Doch nicht in Europa! Vielleicht, wer es sich leisten konnte, hier und da in Südeuropa. Aber doch nicht in jenen Pflegeheimen, die von genervten Anverwandten und der Sozialstütze bezahlt wurden. Von Pflegenotstand wurde gesprochen, aber damit waren nicht die Alten gemeint. Man hätte den Notstand wohl ändern können, wenn es gewollt gewesen wäre. So starben 40.000 Menschen infolge einer „beispiellosen“ – so sagten sie, in den Nachrichten, niemals in Europa erwarteten Hitze, und anfangs dachtest du, du hast dich verhört. Das kann nicht wahr sein. Im hochzivilisierten Europa?!
Wie oft hatte man früher die verregneten Sommer beklagt! War wie in einer Karawane, zusammengepfercht in kleinen Mittelklassewagen, nach Italien oder Spanien abgehauen. Sonne – ah! Kein Weg war zu weit…. Wie lange ist es her?
„Rund 40.000 Hitzetote“ – damals im Sommer 2003! Was also würden sie am Ende dieses Sommers sagen, senden und schreiben? In dieser merkwürdigen, kalten Sprache der Medien? Mir war zunehmend die Ungenauigkeit aufgefallen. Es wurde von „rund“, von „ungefähr“ gesprochen, wenn es um die Todeszahlen ging. Dabei waren sie doch sonst so genau, wenn es um Statistik ging. Hatten sie früher nicht Wert auf Präzision und Genauigkeit gelegt? Aber „rund“ oder „ungefähr“ – waren praktischen Begriffe . Du bist auf der sicheren Seite. Du legst dich nicht fest. Niemand kann Dir einen Fehler vorwerfen. Und nur insgeheim glüht der Gedanke auf, es sind sicher mehr Tote! Wären es weniger, würden sie vielleicht die Zahl der Hitzetoten nicht im Ungefähren lassen? Dass davon auszugehen war, dass es sich um mindestens 40.000 Tote handelte. Oder? Die Zahlen schwankten anfangs. War die Rede von 20.000 Toten in Europa, an den Folgen der Hitze verstorben. Wann hatte sich jemand getraut, die Zahl 40.000 zu nennen? Die dann nicht mehr zu retouschieren war. Der Hitze zum Opfer gefallen. Wären sie in einem Krieg gefallen, innerhalb eines halben Jahres, oder in den drei schlimmsten Hitzemonaten des Hochsommers – wie hätte die Weltöffentlichkeit aufgeschrien! Nach Sanktionen verlangt. Nach Vergeltung. Rache. Wiedergutmachung. Aber Tote kannst Du nicht wieder lebendig machen. Es gibt keine Auferstehung.
Da es aber nur Alte waren, es sich um gesellschaftlich verortete Tote handelte, nicht berühmt, eher wohl „sozial schwach“ – wie sie es lieblos ausdrückten, als sei Armut per se ein Verbrechen, selbst dran schuld, nicht wahr – gab es keine Demonstationen auffälliger Art. Proteste? Von ein paar Journalisten und Menschenrechtsorganisationen, aber die hörte sowieso kein Mensch. Für Wahlen ohne Belang. Mutige Weltverbesserer, Außenseiter, die sich über die entetzlich hohe Zahl von betagten Toten in sogenannten Pflegeheimen beklagten. Wäre es eine Welle gewesen, eine Woge, aber – selbst als in Paris Menschen, Migranten, in einem maroden Haus verbrannt waren, die heraushängenden Stomleitungen hatten sich entflammt, genannt „Kurzschluß“: Die Empörung währte nicht lange. Doch, wenigstens waren Worte geschrieben wurden, die echt und wahr klangen. „Ungerechtigkeit“, Häuser, die diese Bezeichnung nicht verdient hätten. „Löcher“ – statt menschenwürdiger Unterkünfte.. Wieder einmal war sichtbar geworden, nicht wahr – um wen sich kein Mensch kümmerte. Es folgten Versprechungen der Politiker, altbekannt, jeder wußte, die Reden waren das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben worden waren. Hatte es Rücktritte gegeben? Wohl eher nicht.
Wer interessiert sich schon für Namenlose. Das Erschauern hält nicht an. Ist vergessen mit der Schlagzeile vom nächsten Tag. Wäre es eine Prominenz gewesen, das Erschauern hätte über Jahre angedauert – „Weißt Du noch“ …. und man hätte den Kopf geschüttelt – „Wie war es bloß möglich, dass dieser Mensch ein Opfer der Hitze geworden war?“ Hitze also ein rein soziales Problem… Denn das Wort Klimakollaps wird noch immer sprachlich umschifft, wie ein gefährliches Riff. Seitdem aber eine Weltöffentlichkeit durch die Brände im hippen Paris, dank Fernsehkameras für ein paar Sekunden das Elend, das Ausmaß des Elends, in dem Menschen, weil sie Migranten waren ? hausen mußten? Menschen, mit Ratten unter einem Dach, gesehen hatten, schien es eine Legitimation zu geben, über das reale Ausmaß von Menschenverachtung mitten in Europa zu reden und gar zu schreiben, zu diskutieren, ohne zu riskieren, von seiner Redaktion gefeuert zu werden. Und waren es nicht die Ratten gewesen, die die Kabel angefressen hatten, in jener grausamen Unwirtlichkeit, in die man Migranten gepfercht hatte. Ein Wunder, dass sich dort nicht schon längst jemand einen Stomschlag geholt hatte. Aber die Empörung hielt nicht an. Es war eine ironische Koinzidenz des Schicksals, dass ausgerechnet in jenem „Wüstensommer“ 2003, als die Alten wegstarben, in den europäischen Pflegeheimen, sich zeitgleich jene unfassbare Tragödie ereignete, im stolzen Frankreich. Dass afrikanische Migranten ausgerechnet in Paris in einem Haus, einer Bruchbude! verbrannt waren. Bitte nicht allzu lange darüber berichten!
Diese einst schmächtigen Blumenstöcke mit lila und dunkelroten Petunien, sie hatten gegeben, was sie konnten. Sie hatten sich vermehrt und geblüht… ich hatte sie in größere Töpfe umpflanzen müssen, sie hatten das Dunkelgrau der Balkonballustrade überwuchert, mich täglich erfreut, mit ihrem Anblick, ihrem Duft…
Ich hatte sie an einem irgendwie halb verunglückten, staubigen Tag erstanden, bei einem Vietnamesen, in Schöneberg, dazu zwei unbestimmte, roséfarbene Pflänzlein, so Kleinblühendes – die sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Blütenteppich entwickelt hatten, in den Ballustraden meines winzigen Balkons. Ich hatte sie entdeckt zwischen anderen Regalen, eigentlich war es ein Lebensmittelgeschäft, in einer kleinen Nebenstraße.
Ich hatte gegenüber, auf der anderen Straßenseite gesessen, im großen leeren Biergarten eines italienischen Restaurants. Es war ein besonders schwüler Nachmittag. Ich hatte das Restaurant gesehen, als ich aus dem Bus ausgestiegen war, ohne bestimmtes Ziel, ich war überrascht, wie gereizt der Wirt, er sah so aus, als sei er der Wirt, reagierte, als ich ihn auf das Angebot ansprach, das vor der Tür auf einer großen Schiefertafel geschrieben stand :
„Wein direkt aus dem Fass!“
Ob ich den Wein vorab probieren könne, hatte ich gefragt, freundlich, ein wenig schüchtern, eher vorsichtig, glaube ich, und fügte hinzu: „Ich weiß ja nicht, ob der Wein mir schmeckt!Und ehe ich mir gleich ein Glas bestelle…würde ich den Wein gerne probieren..“
Der Wirt hatte mir einen erbosten Blick zugeworfen. Schob mir ein kleines Glas mit einem Schluck Wein wortlos über den Tresen. Er wußte wohl auf einen Blick, an mir würde er nichts verdienen, wozu sich da ein Lächeln abringen.
Der Wein schmeckte mir nicht. Säuerlicher Rotwein.
„Ich nehme einen Kaffee!“ sagte ich, und ergänzte, um nicht unhöflich zu sein,
„Es ist ja auch noch zu früh für einen Wein!“ Es war irgendwo zwischen drei und vier Uhr, und ich hatte wieder einmal eine dieser Wohnungen besichtigt, die ich doch nie nahm, diese letzte war besonders deprimierend gewesen, und der im Inserat als „Garten“ apostrophierte Flecken verdorrter Erde hinter dem Haus, mit Teppichstangen dazwischen – hatte meine Stimmung noch mehr nach unten gezogen.
Ich setzte mich in den Biergarten. Ich war der einzige Gast. Unter den Bäumen, ich habe vergessen, welche Bäume es waren, und hinter den hohen Hecken, die den Biergarten zur Straße hin abgrenzten, fühlte ich mich für einen Augenblick lang sicher und geborgen. Ich suchte in meiner Stoff-Handtasche nach einer der letzten Zigaretten, und mir fielen die Fotos in die Hand, die ich vormittags abgeholt hatte. Ich liebe meine Fotos. Sie machen mich glücklich. Es sind meist Portraits von Landschaften, von einem Baum, einer Wiese, einem Gras, was weiß ich, was mich gerade fasziniert, beinah suchthaftes Verhalten, die Welt, wie ich sie am liebsten sah, festzuhalten, in Bildern, Momentaufnahmen des Seins, eines Tages, eines Augenblicks…für eine lange Zeit. Ich hatte auch schon Bilder verkauft. Ohne Absicht eigentlich. Und nicht in Berlin.
Ich hatte den Kaffee ausgetrunken. Er war übrigens ausgezeichnet, wie meist bei Italienern, auch wenn es kein Espresso war. Ein älterer Kellner hatte ihn mir mit Grandezza und einer leichten Verbeugung serviert. Wie liebenswürdg. Ich quittierte es mit einem anerkennenden Grinsen und sagte Mille Grazie, und kam mir trotzdem wie eine Zechprellerin vor. Nur einen einzigen Kaffee konsumierend und im schönen Biergarten ganz allein herumhockend. Es war ein schwüler, lichtloser Sommertag. Eigentlich zu verstehen, dass der Wirt nicht gut drauf war. Wer wollte an so einem Tag noch nachmittags an dem halb abgenagten „Business-Lunch-Buffet“ sein Geld verschwenden, und so ahnte der Wirt wohl, dass er den Rest des „Business-Lunch-Buffets würde wegkippen müssen, und möglicherweise auch noch der Wein aus dem Fass.
Als ich gezahlt hatte, und aufgestanden war, sah ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Etagèren mit Topfpflanzen vor dem kleinen Laden. Ich ging hinüber und sah mir die Pflanzen an. Ich fand sie ungewöhnlich schön, auch wenn sie klein und irgendwie verhärmt aussahen und halb vertrocknet waren. Schon längst hatte ich mir in diesem Sommer noch Petunien gönnen wollen, die ich so mochte: Ihre samtenen zarten Blüten, die intensiven Farben.
Mein winziger Balkon war noch immer kahl. (Hin und wieder ruhte sich auf der Brüstung ein taubengraues Taubenpärchen aus). In diesem Sommer anno 2006, der als der heißeste Sommer seit einhundert Jahren gilt, so die letzte, ultimative Steigerung der Berichte über das Wetter, nein, genauer, das Klima. Oder wie sie sagen: „Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen“ oder so ähnlich. Ich kann mir all diese Worte, diese Aufzählungen nicht mehr behalten, sie langweilen mich. Denn das eigentliche Problem, die Klimakatastrophe, bleibt ausgeklammert. Als ginge es nur darum, wie schön die Sonne wieder scheint. „Tödlich heißer Juli“ hätte ich mir besser behalten können.
Diese Petunien, die ich in dem Laden des freundlichen Vietnamesen gekauft hatte, der alles Mögliche verkaufte, die Blumen waren nur ein Dazu, eigentlich war es ein unaufgeräumter Lebensmittel-Laden, sie vermittelten mir ein gutes Gefühl. Und jetzt sehen sie so mitgenommen aus. Es ist ja auch schon längst August, fast Ende August. Und ich weiß auch nicht, wie ich den Juli und den August bis jetzt überstanden habe. Aber ich wußte, dass ich für sie zu sorgen hatte, und für meine Katze. Ich gab ihnen Wasser, mehrfach täglich, den Blumen, wenn ich es einmal vergessen hatte, fühlte ich mich schuldig. Auch der Katze gab ich mehrfach Wasser am Tag. Aber die Katze trank inzwischen lieber das Wasser aus der runden Schüssel, das eigentlich für meine Füße bestimmt war. Ich stellte der Katze daher eine eigene Schüssel hin: eine große Salatschüssel. Ich selbst wollte wenigstens die Füße kühl haben, damit die Knöchel nicht so anschwollen, von der Hitze.
Es gab jetzt tragbare Klima-Anlagen. Die Preiswerten waren längst ausverkauft, und du lässt dich treiben, aber es ist schweißtreibend, egal, ob du dich bewegst oder nicht und keiner hindert dich daran, mit den Füßen im Wasser nachmittags vor dem Fernseher zu hocken und in fremde Leben zu starren, warum auch nicht. Ich hatte keine Termine. Du bist eine von jenen Namenlosen, die sich täglich in diese Stadt spülen lassen, diese Stadt, die sich Hauptstadt nennt, und von der alle die täglichen Wunder erwarten. Eine Stadt, über die alle Welt redet und redet und redet, und ebenso von und über all die Kreativen, die hier ihre Zelte aufschlagen. Kreative, klingt immer gut. Vielversprechend. Dort die Kellergalerie mit ihrer Besitzerin, bleichgeschminkt, dafür die Augen schwarz umrandet, um sich jenen Hauch von Verruchtheit und Morbidität anzumalen, der zu ihrer spröden Stimme passt, dem schlaffen Händedruck ihrer kalten, dünnen Hand. Sie trägt, wie alle, einen langen Schal. Nur die Farben und das Material machen den Unterschied. Die männlichen Kreativen in ihren Lederjacken, die vergilbt und verkommen auszusehen hatten, undsoweiter undsoweiter. Wie sie über die Runden kamen? Kein Mensch wußte das. Fragte auch nicht danach. Die Events waren wichtig. Es war schick, nur trockenes Brot zum Wein zu reichen, der aus der Literflasche ausgeschenkt wurde. Wer wollte oder konnte – ein Schälchen für milde Gaben stand diskret auf einem Klavier ohne Tasten… Ja, die Kreativen. Alle wollten sie, und schrieben und redeten über sie. Warum auch nicht. Wie auch über die Projekte, klar, jede Woche ein neues „Projekt“, die alle in die Leere führten. Aber es gab Grund für ein Fest, ein Treffen, und um neue Projekte zu schmieden. Der letzte Schrei war ein Projekt, das die Ungerechtigkeit dieser Stadt mit ihrer Vergangenheit wieder wecken wollte. Aber der mörderische ehemalige Gerichtshof, wo die Todesurteile, jetzt wurde dieses Haus des Grauens zu einem Apartmenthaus umgebaut: Beste Lage, nicht weit vom Lietzensee. Die Proteste waren verstummt. Hatten nichts verhindern können. Die Morbidität dieser Stadt war lebendig. Brauchte nicht aufgemalt zu werden, wie auf das verblichene Gesicht einer einstmals auch nicht Schönen.
Als ich ankam, waren die Glücksritter einer Abstiegs-Moderne längst schon alle da. Ich war Zaungast. Betrachterin. Zuschauerin. Nippte an den billigen Weinen – und heuchelte Interesse für die Kunstausstellung, da doch die Gäste das Interessanteste waren, was es anzuschauen gab… Und immer spannende Gespräche des Garnichts, von jetzt auf gleich, sofort, spontan, zugewandt, zustimmendes Nicken, ja, doch, unbedingt, tolle Ausstellung, finde ich auch, und Weitergehen, wir sehn uns noch, nachher. Klar. Zum Mond mit last minute. Natürlich. Warum auch nicht. Das Bild gefiel mir. Eine Figur hing an einem Luftballon in Richtung eines goldgelben Vollmonds… Ich bin auch gelandet, auf einer ganz anderen Art von Mond… In dieser großen, geilen, ruppigen Stadt. Du konntest sie auch schön finden. Dann und wann. Und je nachdem, wo du lebst, wie du gerade drauf bist, wie du das alles siehst, situativ, ob du gerade einsam bist oder nicht. Ob du gerade Kohle hast, oder nicht.
Mir geht es gerade wie meinen Petunien. Ausgemergelt, ausgebleicht. Mir fehlt Wasser. Mir fehlt der Brunnen. Bring me to the water… Meine kleinen mageren Petunien und das kleinwüchsige Gewächs, dessen Namen ich nicht kannte, sie hatten Wasser bekommen, sie waren bewundert worden, von mir, ich hatte sie von ihrem namenlosen Dasein auf einer Etagere in einer Seitenstraße befreit. Sie dankten es mir, sie hatten es mir gedankt, wochenlang, Hunderte von Blüten, mindestens, ähnlich dieser wundersamen Vermehrung von Seifenblasen, wenn du pustest, und dann quellen sie heraus aus dem kleinen Ring, den du in die Seifenlauge getaucht hattest, schillernde Seifenblasen, groß oder winzig, bunte Luftblasen, schwerelos…die durch die Luft schwammen, ehe sie mit einem leisen Plopp verschwunden waren, sich aufgelöst hatten in Nichts, als wären sie nie dagewesen.
Aber die Petunien sind konkret. Und ich bin wütend. Verhaltend wütend jedenfalls. Dass ich die Petunien habe so verkommen lassen. Sie brauchen neue Erde. Dünger vielleicht. Es kann noch Hoffnung für sie geben. Dass sie bis zum Herbst blühen, bei mir bleiben. Mindestens. Das Gesamtkunstwerk. Das obergeliebte Wort sich windender und wendender Lebenskünstler.. Meine Petunien sind mein Gesamtkunstwerk. Und ich muß wieder an den Vietnamesen denken, bei dem ich sie erstanden hatte. Er wirkte alterslos und vergnügt, der Vietnamese, aber vielleicht weil Vietnamesen wie von Natur aus so freundlich wirken, sie lächeln öfter als Deutsche. Aber ich hatte auch andere erlebt, vor einiger Zeit, als sie sich mit einem Deutschen auf der Straße zofften. Aber dieser alterslose Vietnamese, eher älter, schätzte ich, wie er mir all die Pflanzen eingepackt hatte, irgendwie fürsorglich, und was ich sonst noch eingekauft hatte, es war nicht viel, denn es war heiß draußen, und ich fühlte mich sonderbar, nicht gut, meine ich damit, überhitzt und leer und verloren, ich stehe mitten unter Fremden, die sich alle kennen, miteinander schnattern, und wenn ich näherkomme, stelle ich erleichtert fest, es ist nichts Besonderes, sie reden über das Wetter, über eine Krankheit, beklagen sich über einen banalen Ärger im Hausflur mit Nachbarn, aber sie kennen sich..Ich steige an einer beliebigen Stelle aus dem Bus aus, und versuche, Fuß zu fassen. Ich finde mich im kleinen Laden einer Nebenstraße wieder, wo die Kunden „Stammkunden“ sind, wie du sofort an ihrer Vertrautheit untereinander merkst. Ich bin eine Angespülte. Eine Angeschwemmte. Nur einfach da. Vielleicht zum Absprung genötigt, aus dem bisherigen Leben und ins Gegenteil formuliert. „Ich probiere etwas ganz Neues aus“. Oder gern auch aufpoliert: „Ich beginne jetzt ein neues Leben!“ In einer anderen Stadt. Ganz weit weg. Eine ganz große Stadt. Wo mich keiner kennt. Wo ich niemals einsam sein werde. Die Stadt hat Tag und Nacht geöffnet.
Aber ich habe erst heute Abend gesehen, die Petunien sind durch. Sind fertig. Und dir fallen die Sätze ein, im Taxi – die alle mit „wenn“ anfangen und mit „wäre“ enden. „Dann wäre ich heute nicht hier“.
Was wäre wenn gewesen. Jawoll. Der Taxifahrer kennt das. Er nickt, ohne die Augen vom Lenkrad zu lassen. Ich gebe ihm 2 Euro Trinkgeld. Er freut sich und nickt und schenkt mir ein Lächeln. Er weiß alles. Wir müssen alles etwas, was wir lieber nicht müssten, nicht wahr.
Hier sitze ich. Im Lärm. Im Krach. Im Staub. Kreischende Bremsen. Aufheulende Motoren. Gasgeben. Hitze.
Es ist Nacht. Inzwischen. Die Balkontür leicht geöffnet. Noch ein schwacher Duft meiner Balkonblüten. Sie hatten geblüht, nur für mich geblüht, wie, um mich am Leben zu halten. Und plötzlich kehrt die Erinnerung zurück. An den Augenblick der Erkenntnis. Vorhin, als die Sonne unterging, ich auf dem Balkon stand. Alle Bilder tauchten gleichzeitig auf, in rasendem Tempo, sich gegenseitig überlappend, sich überschlagend, all das Elend, die Ungläubigkeit, dass das alles geschehen konnte :Hitzetote, brennende Migranten-Abrißhäuser in Paris:
Es war – als hätten sich Leben und Tod kurz und trocken – „Hallo!“ gesagt. En passant. Ihre Blicke kreuzten sich, kalt, emotionslos. Wer ist stärker? Das Leben? Oder der Tod?
Die Petunien hatten wochenlang geblüht, gewuchert, sich verschwendet. Hatten alles gegeben. Für mich.
Ich verspreche ihnen Dünger.
Und neue Erde.
Florence /Feminissima

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