Ich lebe trotzdem – ! 20 Jahre nach Krebsdiagnose – “Sie müssten schon längst tot “sein –

Memoirs einer Totgesagten .
Ab heute in Fortsetzungen – Willkommen!

Vor 20 Jahren, im Januar 2000, sollte ich eigentlich tot sein.
So die Diagnose einer Röntgenärztin im hessischen Wetzlar..
„Brustkrebs, fortgeschritten. Notoperation. Gar nicht mehr erst heim! Wollen Sie hier ins Klinikum Wetzlar, oder gleich nach Gießen in die Uniklinik. Die haben eine bekannte Onkologie! „
Wie reagiert ein Mensch auf eine solche Schafott-Erklärung? Bricht in Tränen aus. Fragt zitternd nach einem Telefon.

„Aber ncht zu lange. Es ist schon nach 18 Uhr. Wir wollen schließen! Haben nicht ewig Zeit! Hatten Sie noch eingeschoben!”

Den Sohn rufst du an. Er ist gerade 20 geworden. Macht seinen Zivildienst in der Kleinstadt. Wir waren vor ein paar Jahren wegen der Urgroßmutter noch einmal in die hessische Provinz zurückgekehrt.. Aber nicht nur.
Die Uroma lebte inzwischen nicht mehr. War mit 91 gestorben, nachdem man ihr noch eine Operation zugemutet hatte. Die sie nicht überlebte.

Du kannst ja gar nicht reden.
Wie kannst Du Deinem Sohn, der in der Telefonzentrale eines Pflegeheims seinen Zivildienst absolviert, sagen, dass du sterben wirst. Möglicherweise auf der Stelle. Denn die Ärztin hat ja gerade gesagt –

„Sie müssten schon längst tot sein!“

Du kannst dich nicht einmal verabschieden. Hatte ich mir so das Ende meines Lebens vorgestellt? Von jetzt auf gleich? Im Neonlicht einer Röntgenpraxis? Die mollige Assistentin im zu engen weißen Kittel, mit verschränkten Armen, ausdruckslosem Gesicht. Die hagere Röntgenärztin mit ihren kalten Augen. War das Realität? Gar nicht mehr heim. Gleich in eine Klinik. Wozu noch? Was dem Sohn sagen.

Es ist so eine Pleite! Das hättest du ihm nicht antun wollen! Eine Mutter, die stirbt, oder schon tot sein sollte, aber nichts tut mir weh..? Nirgends Blut. Ich sehe aus, wie immer, oder fast. Du weinst, du sagst, alles was du falsch gemacht hast, tut dir so leid. Und wie lieb du ihn hast, den Sohn, und was du ihm noch alles sagen wolltest. Jetzt ist es zu spät.
Es macht Klick in der Leitung.
Die Röntgenärztin ruft böse –

„Das hält ja kein Mensch aus ! Ich weise Sie wegen Suizidgefährdung direkt nach Gießen ein!“

Wie – ? Was ? Todesurteil?! Und übergangslos Freiheitsberaubung`?

Dein Schock, deine Verzweiflung, das Todesurteil aus dem Mund der Röntgenärztin, und weil Du weinst…wirst du jetzt auch noch zwangseingewiesen zur Notoperation? Dein Hirn kann so schnell gar nicht denken. Und diese Ärztin hat einfach den Anruf unterbrochen ? Den Stecker aus der Dose gezogen? Nun weiß mein Sohn gar nicht, wohin sie mich verfrachtet. Auch das noch! Ich hatte nichts gesagt. Wollte ihn nicht beunruhigen. Er wußte nicht einmal, dass ich nach Wetzlar gefahren war. Den Anruf einfach unterbrochen! Stecker raus!

Das neue kleine Handy hatte ich zuhause auf dem Tisch liegengelassen. Vergessen. Es sollte ja nur ein kurzer Besuch beim Frauenarzt sein. Der vorletzte Termin. Vor Weihnachten. Er hatte gesagt, wissen Sie was, um sicher zu gehen, machen wir einen Röntgentermin, am besten in Wetzlar, das ist eine Frau, und bald sind Feiertage. Wir wollen ja in Ruhe das neue Jahrtausend feiern, nicht wahr? Fahren Sie am besten gleich mit dem nächsten Zug hin, ich mach noch den Termin klar!”

Er war zugewandt, der junge Frauenarzt.
“Morgen kommen Sie dann mit den Unterlagen vorbei, und wir schauen es uns gemeinsam an!”

Ich war durch die Stadt gelaufen. Vorbei am Weihnachtsmarkt, es hatte angefangen zu schneien. Schon ab vier Uhr war es dunkel. Der Duft von Glühwein und Mandeln. Der hohe, glitzernde Weihnachtsbaum neben dem Brunnen. Das Kinderkarussell mit den Pferdchen aus Holz und den Kutschen, ausgelegt mit rotem Samt, drehte sich unermüdlich, die kleinen Kinder strahlten in ihren Ski-Anzügen und winkten mit ihren Fäustlingen. Es war kalt. Der Bahnhof roch nach Pisse. Die Schalter waren dicht. Seit langem. Aber der Fahrtkartenautomat funktionierte. Schlurfend bremste der Regionalzug. Außer mir niemand auf dem zugigen Bahnsteig.

Zwei Sanitäter nehmen mich und meine Unterlagen wortlos in Empfang. Über die Autobahn nach Gießen. Ein Sanitäter sitzt mir gegenüber. Kann sein Gesicht in der Dunkelheit nicht erkennen. Fühle mich wie eine Gefangene. Sie sprechen kein Wort. Auch nicht, als ich sage – „Es könnte glatt sein!“ Als Anspielung auf das rasante Tempo. Seit dem Nachmittag kommt Schnee runter. Wenngleich in dünnen, wässrigen Flocken. Die Männer bleiben stumm. Reagieren nicht.
Die Onkologie der Universitätsklinik Gießen liegt im Dunkeln. Seiteneingang. Funzeliges Licht im engen Aufzug. Spüre die unangenehme Nähe der beiden fremden Körper, die mich und meine Unterlagen abzuliefern haben. Ein langer Flur, trübes Licht. Am Ende eine doppelflügelige Tür aus Milchglas. Die beiden Sanitäter klopfen kurz an, öffnen die Tür. Wie ein Schwarm Vögel fliegen die Schwestern auseinander. Gegen Quittung werde ich abgeliefert. Grußlos verschwinden die Männer.
„Nehmen Sie doch Platz. Machen Sie sich schon mal frei. Die Frau Professorin kommt gleich. So verlieren wir keine Zeit!“
„Ich muß sofort telefonieren, bitte! Mein Sohn weiß nicht, wo ich bin. Die Röntgenärztin aus Wetzlar, die mich gegen meinen Willen nach hier verfrachten ließ, indem sie mich kurzerhand für suizidgefährdet erklärte, weil ich weinte, nach der Diagnose – „Sie müssten eigentlich schon längst tot sein!“ hat mitten im Gespräch das Telefonat gekappt. Stecker aus der Dose!“
Einer Schwesternschülerin entfährt ein ungläubiges – „Wirklich?!“ Eine der diensthabenden Schwestern erklärt, es gäbe kein Telefon nach draußen. Nur intern.
„Aber da ist doch die Telefonzelle – !“ rief die Schwesternschülerin, die mir ganz offensichtlich helfen wollte.
„Aber die Frau S. geht nicht allein!“
„Die Frau Professor hat doch ein Handy. Sie wird jeden Augenblick kommen. Machen Sie sich doch schon mal frei!“
Ich bin eine Gefangene. Ich habe mich vor wildfremden Menschen auszuziehen. Hänge meine Jacke über meine Schultern und kreuze die Arme vor meinen Brüsten.
Ich sitze auf einer Art Liege. Auf der eine weiße Rolle Papier ausgebreitet ist. Der Raum ist überheizt, denke ich, und jetzt geht die Tür auf und die Frau Professor kommt. Die Schwestern erheben sich wie auf Befehl. Die Frau ist jünger als ich dachte. Sie lächelt ein anonymes Lächeln – „Willkommen! Darf ich Sie anschauen?“
Sie betrachtet zugleich interessiert die Röntgenaufnahmen und liest ein Papier, die schriftliche Diagnose, nehme ich an. Ich selbst habe sie noch nicht zu Gesicht bekommen.
„Ah ja – !“ ruft sie begeistert.
„Die Peau d’Orange. Da ist sie ja!“
Es sind 2 winzige Fältchen, wie Plissée, seitlich oberhalb der rechten Brust. Ich hatte sie noch gar nicht gesehen. Orangenhaut, wußte gar nicht, dass es diesen medizinischen Begriff gibt.
„Das zeigt, dass der Krebs sich schon ausgebreitet hat! Wir machen morgen früh einen Schnellschnitt, dann sehen wir, was der Krebs für ein Gesicht hat und dann operieren wir und Weihnachten sind sie schon wieder zuhause und können auch ins Neue Jahrzehnt reinfeiern!“
Ihr munteres Plappern fließt an meinem Ohr vorbei. Ich weiß nur eins, auf keinen Fall werde ich mir hier operieren lassen. Auf keinen Fall. Vorher probe ich den Aufstand. So einfach kriegen sie mich nicht unters Messer!
„Bitte, ich muß unbedingt mit meinem Sohn telefoneren. Er ist sicher in größter Sorge, denn er weiß nicht, wo ich bin..!“
„Oh, mein Handy liegt in meinem Büro. Nach der Untersuchung hole ich es!“
Warum untersucht sie mich, betatscht mich? Ich komme doch gerade erst von der Röntgenuntersuchung. Und alles weitere scheint doch in dem schriftlichen Befund festgehalten. Ich setze an, will etwas sagen – da fliegt die Tür auf: Mein Sohn!
Den Parka weit offen, Schneeflocken im Haar und einen Gesichtsausdruck, den ich so noch nie gesehen hatte:
„Lassen Sie auf der Stelle meine Mutter in Ruhe!“
Herrscht mein Sohn die Frau Professorin an, die im übrigen noch keine ist, wie ich später erfahren werde, sondern noch Übungsfälle braucht als angehende Professorin für Chirurgie. Ein Klagefall gegen sie sei auch anhängig.
Mein Sohn! Mein Retter! Ich fass es nicht! Wo kommt er so schnell her? Er hat doch gar keinen Führerschein?!
Jetzt sind alle sehr liebenswürdig. Ja, mit dem volljährigen Sohn anbei, bestehe ja wohl keine Suizidgefahr mehr, und selbstverständlich könne ich morgen früh wiederkommen, um dann in Ruhe….
„Ich komme garantiert nicht wieder!“
Höre ich mich sagen. „Und sorgen Sie dafür, dass die Unterlagen an meine Privatadresse geschickt werden!“
Ich hatte keine Geduld, die Sachen gleich mitzunehmen. Nur raus! Nur weg. Nur wieder frei sein. In der Sekunde der Erleichterung, ja eines Glücks, für das es keine Worte gab, vergass ich die desaströse Diagnose.
Ich hängte mich an den Arm meines Sohns, draußen, auf dem Weg zu einem Restaurant, unweit des Bahnhofs –
„Wie hast Du das denn gemacht…? Mein Held..mein Retter…?“
Es sei ganz einfach gewesen. Auf dem Display der Telefonzentrale war die Nummer der Ärztin gespeichert. Er hatte kurze Zeit später wieder angerufen und der Ärztin mit Strafanzeige, Staatsanwaltschaft und wer weiß nicht was, gedroht, wenn sie ihm nicht sofort verrate, wohin sie mich verbracht hätte!.
Er konnte sofort eine Vertretung organisieren, zum Bahnhof der Kleinstadt eilen. Und – ein Zug ließ auch nicht lange auf sich warten. Sogar ein Schnellzug, der nicht in jedem Kaff anhielt.
Vom Bahnhof Giessen zur Universitätsklinik sind es nur ein paar Schritte. .
Ich war so begeistert. Irgendwie dachte ich, alles wird gut. Aber als wir im Restaurant saßen, zwischen all den speisenden, lachenden, sich zuprostenden Menschen, es war ja kurz vor Weihnachten, und kurz vor dem Wechsel in ein neues Jahrtausend, fühlte ich mich plötzlich, als gehöre ich schon gar nicht mehr dazu. Mein Sohn legte seine Hand auf meinen Arm und blickte mich an. Wir hatten Tränen in den Augen.
„Es wird schon!“ sagte mein Sohn und ich mußte lachen.
Das war unser Spruch. „Es wird schon!“