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Hat der Wortzauberer Feridun Zaimoglu mit “LEYLA” von der wunderbaren Emine Sevgi Özdamar “abgeschrieben?”

“Es ist mein Leben!” rief die Kleist-Preisträgerin, als sie den Roman gelesen….mehr :
Abgeschrieben?

Streit um den Roman „Leyla“: Özdamar gegen Zaimoglu

Von Volker Weidermann

Erschüttert: Kleist-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar

01. Juni 2006

Es war das Buch dieses Frühjahrs. Feridun Zaimoglus Familienroman „Leyla“, die Geschichte eines Mädchens, das in den fünfziger und sechziger Jahren in der anatolischen Provinz, in der im Roman ungenannten Stadt Malatya unter dramatischen, archaischen Familienzuständen aufwächst, später nach Istanbul zieht, heiratet und am Ende des Buches im Zug nach Deutschland sitzt, um auszuwandern, nach München und später nach Berlin. Wir Rezensenten lobten die ungeheure poetischer Kraft und Sprachmacht des Autors, vor allem aber auch die neuen Einblicke, die wir in eine uns völlig fremde Welt werfen konnten.

So fremd, das wird jetzt deutlich, hätte sie uns nicht sein müssen. Denn im Verlag Kiepenheuer und Witsch, in dem jetzt auch „Leyla“ erschienen ist, wurde vor vierzehn Jahren ein Roman veröffentlicht, der in der selben Welt spielt, ein Roman, in dem auch ein in den fünfziger und sechziger Jahren in der anatolischen Provinz aufwachendes Mädchen im Zentrum steht. Der Roman spielt sogar in der selben Stadt, in Malatya, auch diese junge Frau verläßt später diesen Ort und geht nach Istanbul, und am Ende sitzt auch sie im Zug nach Berlin, um auszuwandern, aus dieser alten Welt. Das Buch ist von der Autorin und Kleistpreisträgerin Emine Sevgi Özdamar, es heißt „Das Leben ist eine Karawanserei hat zwei Türen aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“, für einen Ausschnitt daraus hat sie 1991 den Bachmann-Preis gewonnen. Trotzdem hatten es die meisten Rezensenten jetzt, „Leyla“-lesend, wieder vergessen oder sie kannten es gar nicht.

Das böse Wort spricht niemand aus: Hat Zaimoglu abgeschrieben?

Özdamars Buch, vor vierzehn Jahren erschienen

Das alles wäre ein normaler Vorgang, die Geschichte ist hunderttausendfach geschehen, wieso sollte sie nicht zwei Mal aufgeschrieben werden, von zwei verschiedenen Künstlern, die einen außerordentlich unterschiedlichen Stil schreiben? Doch seit einigen Wochen zirkuliert ein Verdacht in der Bücherwelt, und seit gut einer Woche zirkuliert auch ein vielseitiges Text-Konvolut, in dem akribisch Parallelstellen in den beiden Büchern nebeneinandergestellt werden.

Das Konvolut hat eine Germanistin aus Süddeutschland, die namentlich nicht genannt werden will, in zweimonatiger Arbeit zusammengestellt, und es umfaßt eine große Zahl von ähnlichen Motiven, die in beiden Büchern gleichermaßen vorkommen. Das heißt: nicht nur die äußeren Lebenstationen der beiden Protagonistinnen sind sehr ähnlich, sondern auch wesentliche Konstruktionselemente der beiden Romane. Das böse Wort spricht niemand aus, aber implizit lautet der Vorwurf, Zaimoglu habe in „Leyla“ wesentliche Elemente aus der „Karawanserei“ abgeschrieben. Die Frage ist: wem gehört die Geschichte? Wem gehört diese Geschichte? Wem gehört die türkische Einwanderergeschichte der ersten Generation, die in diesem Frühjahr in Zaimoglus Buch für so außerordentliche Furore gesorgt hatte?

Jedes Detail für sich ist harmlos. Ihre Fülle ist erstaunlich

Seine Mutter hat es ihm erzählt: Feridun Zaimoglu

Donnerstag abend in einer Kreuzberger Altbauwohnung: Auf dem Tisch von Emine Sevgi Özdamar liegt ein Papierberg, jede Seite ist mit bunten Textmarkern in blau und orange markiert. Drei Stunden lang gehen wir Motiv für Motiv durch. Sie ist außerordentlich erregt, später wird sie sagen, ich dürfe aus unserem Gespräch am Abend nicht zitieren, aber man darf sicher so viel sagen: Emine Sevgi Özdamar ist tief erschüttert, sie fürchtet, ihre Lebensgeschichte sei ihr gestohlen worden.

Die Indizien sind zahlreich. Jedes einzelne Indiz für sich kann man gut für Zufall halten, alle Indizien zusammengenommen sind sehr auffällig. Es geht einerseits um Details und Metaphern, andererseits um ganze Handlungsstränge, um gleiche Assoziationen in vergleichbaren Lebensmomenten. Hier sind Buchstaben „wie auseinander fliegende Bäume“, dort sind Buchstaben „wie Menschen, die sich gegen einen starken Wind stemmen“, hier ist vom Filmstar „Humprey Pockart“ die Rede, dort von „Kessrin Hepörn“, in beiden Büchern gibt es abenteuerliche Ausflüge der Mädchen ins Kurdengebiet, in einem Buch kommen sie an einem „silbernen See“ vorbei, im anderen Fall an einem „Silberfluß“, wenn Mädchen sich in beiden Büchern ein Bett teilen und es in beiden Fällen zu angedeuteten Liebesszenen kommt, essen sie am Ende Kaugummi.

Poetisch kraftvoll: Zaimoglus Roman

Es gibt ähnliche Szenen vom ersten Besuch im Badehaus, die erste Enthaarung mit Zitronenwasser und Zucker, die erste Regelblutung, das erste Bemerken der wachsenden Brust, nach der ersten sexuellen Aufklärung heißt es bei Özdamar: „ihr Mund blieb offen“, Leyla bekommt „den Mund nicht zu“. Jedes Detail für sich ist harmlos. Die Fülle der Details ist erstaunlich.

„Leyla ist mein Leben!“ ruft sie ins Telefon

Feridun Zaimoglu streitet alle Vorwürfe vehement ab. „Ich habe keins der Bücher von Emine Sevgi Özdamar gelesen“, sagt er. Es ist die Geschichte seiner Mutter, sagt er, die 1941 geboren wurde, fünf Jahre vor Emine Özdamar, und wie die Schriftstellerin in Malataya aufwuchs. „Ich habe das alles auf Tonbändern“ sagt Zaimoglu und, konfrontiert mit der ganzen Fülle an Details, winkt er jedes einzelne davon zurück: „das habe ich so auf den Bändern“; „das hat mir meine Mutter so erzählt.“

„Leyla lebt! Sag das den Leuten!“ habe seine Mutter ihm gesagt. Ruft man sie an, seine Mutter, die seit einigen Jahren wieder in der Türkei lebt, trifft man auf eine verzweifelte Frau, die nur weint und sagt, daß man ihr ihre Geschichte stehlen wolle, daß sie ihren Sohn seit Jahren angefleht habe, ihre Geschichte zu schreiben, ihr „Leben in der Hölle“ wie sie sagt. Das müßten die Leute in Deutschland wissen und ihr Sohn müsse es aufschreiben: „Leyla ist mein Leben!“ ruft sie ins Telefon und kann sonst zwischen all den Tränen kaum noch etwas sagen. Schließlich sagt sie nur „Verzeihen Sie bitte“ und legt auf.

Warum ist dem Verleger die Ähnlichkeit nicht früher aufgefallen?

Was für eine dramatische Geschichte: Zwei Frauen, fast gleich alt, aus dem selben Ort, fürchten beide, um ihre Lebensgeschichte betrogen zu werden. Beide haben Dramatisches erlebt, die eine hat es selbst aufgeschrieben, die andere ließ es den Sohn schreiben. Beide haben Grund für ihre Angst: Jeder, der diese Tabellen vor sich sieht, fragt sich, wie groß Zufälle sein können. Aber wer Zaimoglu und seine Mutter hört, wer bedenkt, daß kleine Mädchen, die zur selben Zeit in der selben Stadt aufwachsen, ähnliche Kindheitsmythen kennen, weitertragen und erzählen, der wird nicht leicht ein Urteil fällen.

Dramatisch ist die Situation auch für den Verlag: der Verleger Helge Malchow, der damals Özdamars Buch lektoriert hat und „Leyla“ selbstverständlich früh kannte, muß nun erklären, warum ihm die Ähnlichkeiten nicht früher aufgefallen sind. Er übt sich in höchster Diplomatie und sagt: „Die Irritationen, Zweifel und Fragen, die bei Emine Sevgi Özdamar in dieser Hinsicht aufgetreten sind, kan ich nachvollziehen und bedauere dies sehr.“ Er sagt aber auch, die Ähnlichkeiten könnten „die unterschiedlichsten Gründe“ haben. Und „der Verlag sieht keine Veranlassung, dem Autor das Vertrauen zu entziehen.“

Zwei ähnliche Geschichten. Zwei Bücher. Zwei Leben

Es kann und wird in dieser Geschichte keine Gewinner geben. Der Beweis für ein Plagiat, für ein bewußtes Abschreiben, eine Aneignung fremden geistigen Eigentums wird kaum zu erbringen sein. Das Gegenteil, der Unschuldsbeweis: vielleicht. Es wird schon helfen, wenn Zaimoglu die Bänder mit den Gesprächen mit seiner Mutter vorlegt.

Beide Mädchen werden in den beiden Büchern als die besten Geschichtenerzählerinnen ihrer Schulklasse vorgestellt. Und sie haben beide ihre Geschichte erzählt, die Geschichte ihrer Kindheit, die Geschichte über die Gründe, warum sie nach Deutschland kamen. Und was sie forttrieb aus ihrem Land. Zwei ähnliche Geschichten. Zwei Bücher. Zwei Leben.

Text: F.A.Z., 01.06.2006, Nr. 126 / Seite 37

Bildmaterial: Kiepenheuer & Witsch, KiWi, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

GREENPEACE: PESTIZIDE AUF REKORDHOCH!

Die Belastung von Obst und Gemüse mit Pestiziden hat 2004 offenbar einen Rekordwert erreicht. 47 Prozent der Obst- und Gemüseproben seien mit giftigen Spritzmitteln belastet gewesen; drei Prozent mehr als noch 2003, berichtete die Umweltschutzorganisation unter Berufung auf bislang unveröffentlichte Daten der EU-Kommission. /online-info-Quelle: GMX/AFP/DDP

01.06.2006
Greenpeace: Pestizid-Belastung 2004 auf Rekordwert
Die Belastung von Obst und Gemüse mit Pestiziden hat 2004 offenbar einen Rekordwert erreicht. 47 Prozent der Obst- und Gemüseproben seien mit giftigen Spritzmitteln belastet gewesen; drei Prozent mehr als noch 2003, berichtete die Umweltschutzorganisation unter Berufung auf bislang unveröffentlichte Daten der EU-Kommission.

© DDP/AFP
Viele der in Erdbeeren, Paprika oder Salat nachgewiesenen Pestizide seien krebserregend, nervenschädigend und könnten das Fortpflanzungsvermögen sowie das Hormon- und Immunsystem beeinträchtigen, erklärte Greenpeace-Experte Manfred Krautter. “Doch das erfahren Verbraucher erst eineinhalb Jahre, nachdem die Lebensmittel gegessen wurden.”

Greenpeace zufolge erfasst das Monitoringprogramm der EU-Kommission Pestizidrückstände von mehr als 60.000 Lebensmittelproben aus der ganzen EU. Ein Vertreter der EU-Kommission habe die Zahlen in der vergangenen Woche einem Fachpublikum auf Korfu vorgestellt. Demnach seien in rund 23 Prozent der Proben mehrere Pestizide gleichzeitig gefunden worden, was einem Anstieg um zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Insgesamt hätten die europäischen Prüflabore 197 verschiedene Spritzmittel in den Lebensmitteln nachgewiesen, im Vergleich zu 185 Pestiziden 2003. Die Pestizidrückstände in Lebensmitteln hätten den höchsten Stand seit dem Start des EU-Monitorings 1996 erreicht.

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Greenpeace forderte die Bundesregierung auf, sofort Maßnahmen zur Senkung der Pestizidrückstände in Obst und Gemüse zu unternehmen. Verbraucher müssten durch das geplante Verbraucherinformationsgesetz zeitnah Auskünfte über belastete Lebensmittel bekommen. Zugleich müssten die Kontrollen der Bundesländer verschärft werden. “Die Lage ist inzwischen ernst. Doch während Chemieindustrie und Landwirte immer mehr Gifte auf Äckern und Obstplantagen spritzen, greifen weder EU-Kommission noch die Verbraucher- und Landwirtschaftsminister der Länder gegen die steigende Giftbelastung ein”, kritisierte Krautter.

Auch die Überwachungsbehörden in 20 EU-Mitgliedsländern seien vom Lebensmittel- und Veterinäramt der EU-Kommission überprüft worden, teilte Greenpeace weiter mit. Dabei seien unter anderem schwere Defizite bei den Kontrollen in Deutschland festgestellt worden. Die meisten Lebensmittellabore konnten lediglich 25 bis 150 der insgesamt 400 in der EU zugelassenen Pestizide nachweisen. Bei der Probeentnahme seien häufig Fehler gemacht worden, die Untersuchungen hätten mit vier Wochen im Schnitt viel zu lange gedauert.

© AFP

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